Archive for September 2014

IMG_6606Ich renne wie bekloppt durch ein kleines Hafenstädtchen. Mein Herz hämmert, die Lunge pfeift, der Schweiß fließt in strömen, immer wieder drehe ich mich nach meinen Verfolgern um. Ich habe ca. 5 Minuten Vorsprung bis mich die Spitze des  entfesselten Mobs erreicht. Gut 1500 wilde Wikinger sind mir auf den Fersen, und meine Frau mitten drin…

Vielleicht hätte ich mich doch nicht lauthals über die Urlaubsqualität Dänemarks beklagen sollen. DabeiIMG_1275 war es ja meine Idee. Nix wollte ich machen in meinem Urlaub, gaaar nix, außer vielleicht ein bisschen sporteln. Dänemark erschien mir dafür der ideale Ort zu sein. Aber dass man hier in Dänemark, bzw. Nordjütland, wo es uns hinverschlagen hat, außerhalb der Saison und bei schlechtem Wetter, wirklich nix machen kann, damit hatte ich so nicht gerechnet. Selbst das Laufen fiel bei Windstärke 7 und Sturmböen bis 110 km/h etwas beschwerlich aus. Da wurden die Laufrouten nach Windrichtung und nicht nach schönen Strecken ausgewählt.

Was sich anhört wie ein Albtraum ist durchaus real. OK, die Wikinger entpuppen sich bei näherer Betrachtung als handelsübliche Dänen, aber trotzdem verfolgen Sie mich und ich mache gerade keinen Strandspaziergang und suche Bernstein, sondern nehme am Lemvig Bylob also dem Stadtlauf Lemvigs teil.

IMG_1313Die pure Langeweile führte uns in das kleine dänische Hafenstädtchen Lemvig, direkt am Ufer des Limfjord gelegen. Beim Bummel durch die übersichtliche Fußgängerzone entdeckte ich ein kleines unscheinbares Plakat zum Lemvig Bylob, Strecke 5,3 km und 8,8 km.  -Die Strecken sind ja lächerlich, da machste mit- dachte ich.

Steffen bestätigte, bzw. übersetzte per Twitter meine Vermutung: Startunterlagen und Nachmeldungen gibt es am Veranstaltungstag zwischen 16:30 und 18:30. Start ist um 19:00 Uhr.

Bei der Nachmeldung, kamen dann erste Zweifel auf. Meiner Gattin händigte man für die kurze Strecke die Startnummer 1781 aus und ich bekam für die 8,8km die Startnummer 142!
Hä? Offenbar liegen den 5,3km Startern Informationen vor die ich nicht habe. Ob es an der Strecke liegt? Dänemark zählt ja topografisch eher zu den flacheren Ländern, aber gilt das für ganz Dänemark?

Kurz nach 18:00 Uhr füllt sich langsam das kleine Städtchen. Um die Historische Kirche aus dem 13. IMG_6640Jahrhundert gruppieren sich Läufergrüppchen. Es sind auffallend viele Schüler und Sportvereine dabei. Aber alle tragen sie eine blaue 5,3km Startnummer. Ein aufmerksamer Helfer bemerkt mich mit meiner roten Startnummer in der Startaufstellung und dirigiert mich gaaanz nach vorne. Dort ist ein eigener kleiner  Startblock für die längere Distanz, dieser wird dann um 19:00 Uhr, 5 Minuten vor den anderen gestartet.

Plötzlich bin ich nervös, Ich wollte ja eigentlich nur einen lockeren Volkslauf mitmachen, und nun stehe ich hier im erlauchten Kreis der 8,8km Starter, quasi der Laufelite Lemvigs. Da will man sich keine Blöße geben, schließlich habe ich ein Land zu vertreten. Schnell muss eine Renntaktik her.

Die Strecke teilt sich bei km 3,5 und wird bei km 7,5 wieder zusammen geführt. Dazwischen lauert das, was die meisten Läufer abschreckt.  Also erstmal ruhig angehen, damit ich hinten raus genug Körner übrig habe, für das was da kommen möge. Aber nicht zu langsam, ich möchte keines falls von der Spitze der 5,3km Läufer eingeholt werden, aber kann ich überhaupt noch schnell laufen? Mein letztes Tempotraining, bzw. schnellerer 10k Wettkampf liegt ewig zurück. War das der Forstenriedlauf im April mit einer 4:45 Pace?

Durch das gemeinsame herunter zählen des Countdowns werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Tre, To, En, Nul…  Das Startfeld rast die Fußgängerzone Richtung Hafen entlang. Vor vor mir zerschellt gerade ein Mann an einem fest stationierten Mülleimer, kippt zur Seite, rollt sich elegant ab und rennt einfach weiter. Huiuiui, ich sags ja, Wikinger…
Noch auf dem ersten Kilometer geht es bereits die erste Steigung hoch. Auf einer Serpentine geht es in die Oberstadt, diese Straße bin ich vorher erst mit dem Auto herunter gefahren. Da habe ich mir noch gedacht, gut, dass hier die Route nicht entlang führt. Denkste. 30 Höhenmeter auf dem ersten Kilometer, die Uhr quittiert den ersten Kilometer nach nur 4:44 Minuten. Auweia, war bei den Höhenmetern vielleicht ein bisserl schnell. Kräfte einteilen geht aber anders. An einem Friedhof entlang  und über das Green eines Golfplatzes geht es wieder runter zum Hafen. 4:30 min für den zweiten Kilometer. Auf der langen Geraden am Hafen entlang bin ich bereits fix und fertig, der Blick auf die Uhr verrät mir auch weshalb, 4:32 min. Ich versuche nach der wilden Hatz der ersten Kilometer etwas zur Ruhe zu kommen. Gleich kommt die Abzweigung, von hinten ist noch niemand mit einer blauen Startnummer zu sehen, wenigstens dieses Ziel habe ich erreicht. Jetzt bin ich gespannt was mich nun erwartet. Ein Streckenposten mit einem roten Fähnchen winkt mich in ein Wohngebiet. Ich biege um die Ecke und sehe wie sich die Straße in leichten Windungen den Berg hinaufschraubt.

-Boa, ist das steil-

Ich hatte doch noch überhaupt keine Zeit Kräfte für den Aufstieg zu sammeln. Ich verdränge den ersten Impuls einfach stehen zu bleiben. Wie sage ich immer? Wo es rauf geht geht es auch wieder runter, also rauf da, du faules Stück, und du bleibst nicht stehen…

IMG_6674Auf dem vierten Kilometer habe ich dann endlich die Pace, die ich auf dem ersten Kilometer ursprünglich anstreben wollte, 5:04. Der Puls ist allerdings jenseits von gut und böse und die Oberschenkel fühlen sich an wie Quallenmus. -das sind ja geradezu ideale Bedingungen für einen negativen Splitt-, ganz hervorragend habe ich das wieder hin bekommen. War das doch wieder die  „Vollgas-und-Einbrechen“ Renntaktik?
Nach einem viel zu kurzen horizontalen Abschnitt, geht es wieder runter Richtung Hafen. -jetzt schon?- Ich hatte mit einer längeren Schlaufe gerechnet, aber gut, ist mir auch recht.

Meine Freude währt nicht lange, als ich unten angelangt bin wedelt wieder eine Dame mit einem roten Wimpel und zeigt in die nächste Querstraße.

-Ja, scheiß die Wand an-, das kann doch nicht deren Ernst sein? Das ist hier ja noch steiler, und dazu auch noch viel länger, jedenfalls ist das Ende der Straße nicht zu sehen.  Heißt „Bylob“ zufällig doch Berglauf und nicht Stadtlauf auf deutsch?
Die Schritte werden kleiner und so tripple ich den Berg hoch. Die ersten Teilnehmer vor mir gehen bereits, aber ich will hier nicht den Running-Willi machen, langsam, aber dennoch ziehe ich an ein paar Willis vorbei.

Oben angekommen, schreien mich meine Oberschenkel förmlich an, -HÖR AUF MIT DEM SCHEISS-. Die Anwohner haben Campingtische auf die Straße gestellt, und verteilen Wasserbecher, ich will jetzt nix trinken, aber ein Sauerstoffzelt wäre ganz nett. Auf 50 Meter Meereshöhe scheint die Luft in Dänemark schon dünner zu werden. Und mein Puls? -ach fragt nicht…- Eine Pace von 5:29 auf den sechsten Kilometer sagt ja alles.

Auf einer lang gezogenen Serpentine geht es zurück in die Stadt. Ich bin so im Eimer, dass ich auf dem IMG_6676folgenden Abstieg kaum Tempo machen kann (4:36). Ist ja schließlich auch Tag 13 meines Urlaub-Streak. Ich hoffe inständig, dass wir nicht nochmals den Fjord hoch geschickt werden, drei mal ist echt genug. Unsere Route trifft nun wieder auf die Kurzstrecke. Das Hauptfeld ist hier mittlerweile längst durch gerauscht. Jetzt gilt es die Nachhut und und die Walker zu umzirkeln. Auffällig ist, dass die Walker keine Hieb und Stichwaffen mit sich führen.
Ist ja seltsam, weshalb heißt das bei uns Nordic Walking, wenn die Nordmänner und Frauen ganz ohne Stöcke auskommen? -Hm, Hm, Hm?- Mich beschleicht das Gefühl, dass ich da eben einem riesen Schwindel der Skistock-Maffia auf die Schliche gekommen bin, aber ich kann das jetzt nicht weiter verfolgen, ich habe hier ein Rennen zu beenden.

Der zackig gesetzte Kurs führt uns nochmals an der Kirche bzw. dem Start/Ziel Bereich vorbei. Hier steht meine Tochter und knipst Beweisfotos, auch meine Frau ist schon da. Sie hat Ihren Kurs in nur 28:50 Minuten mit einer 5:26 Pace bewältigt, Respekt!  Ich will  jetzt auch ins Ziel, das überholen der 5,3km Läufer beflügelt und setzt letzte Energie frei (4:28min).  Zeit mal wieder die -timekiller-Rakete aus dem Hangar zu holen. Bisschen spät gezündet, so schieße ich mit einer 4:16  ins Ziel und werde jäh von einem  Absperrgitter gebremst. Japsend bleibe ich hier am Zaun erstmal hängen und warte bis sich mein Atem wieder beruhigt hat.

Um die Kirche herum herrscht Volksfeststimmung. Sponsoren präsentieren sich mit Windrädchen und Luftballons. In Trinkflaschen wird Wasser verteilt, ansonsten gibt es knackige Apfel. Schon erstaunlich, wie dieses kleine Städtchen mit gerade mal 7000 Einwohnern gut 2000 Läufer mobilisieren kann.

Mann, war das ein Ritt. 41:22 min auf 8,8 Kilometer mit einer 4:42 min/km Pace, nicht auszudenken was da ohne 150 Höhenmeter drin gewesen wäre.

So eine  Gegenwindanlage direkt am Meer ist schon ein ziemlich gutes Training.

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