Der Jahresurlaub steht buchstäblich vor der Tür*. Der Familienrat hat im Winter beschlossen, dass es zwei Wochen nach Kreta gehen soll. Das war jedoch vor meiner Marathon Anmeldung. Jetzt gilt es den Trainingsplan etwas anzupassen. Um den Familienfrieden zu wahren, reduziere ich die Läufe auf drei Einheiten pro Woche, und lasse die langen Kanten weg, bzw. verschiebe die Einheiten auf vor und nach dem Urlaub. 30 km bei 35°C setzt nur dann einen Trainingsreiz sollte man für den „Marathon des Sables“ trainieren.
Also stand am Sonntag noch ein 30er auf dem Programm. Anfang Juni hatte ich schon mal einen Test-Ballon gestartet über diese Distanz, und bin von München nach Starnberg gelaufen. Das Ergebnis war verbesserungswürdig. Nachdem ich den Lauf akribisch analysiert hatte, wusste ich auch woran es lag. Es geht von München nach Starnberg den Berg hoch, und zwar 100 HM über die gesamte Strecke ;-). Deshalb wählte ich für meinen neuen Versuch die Gegenrichtung, also bergab.
Murrend fuhr mich meine Frau Sonntag Nachmittag nach Starnberg, und setzte mich dort auf dem Lidl-Parkplatz am Ortsausgang Starnberg/Gauting aus. Da die Ergebnisse meiner letzten Läufe ja jetzt nicht so berauschend waren, beschloss ich auf die Vorgabe des Trainingsplans zu pfeifen. Es sollte eigentlich mit 13 flotten Kilometern im 5:20 schnitt gestartet werden, um sich dann den Rest der Strecke im Überlebenskampfmodus nachhause schleppen zu können. Ich setzte mir jedoch diesmal keinerlei Zeitziele, ganz ohne Druck wollte ich laufen. Es zählte nur eines, die komplette Strecke durchhalten, d.h. keine Gehpausen.
Den ersten Kilometer absolvierte ich dann auch gleich in gemütlichen 6:45. -Hm- vielleicht doch ein bisschen arg langsam. Wenn ich den Schnitt beibehalte, ist meine Tochter ausgezogen, bis ich wieder zurück in München bin. Ein bisserl schneller darf’s dann schon sein. Also habe ich das Tempo auf den nächsten Kilometern leicht gesteigert. Die Strecke von Starnberg nach Gauting ist wirklich schön, entlang der Würm geht es durch den Wald. Das letzte Mal als ich hier entlang lief hatte ich keine Augen für die Schönheit der Natur, da war ich ganz mit mir selbst beschäftigt.
Leider sind es gerade mal 9 Kilometer bis Gauting. Der weniger schöne Abschnitt kommt dann zwischen Stockdorf und Gräfelfing, da gehen die Ortschaften nahtlos ineinander über und man läuft auf einer Nebenstraße durchs Wohngebiet. Erst ab dem Pasinger Stadtpark wird’s dann wieder etwas grüner und hübscher. Von dort sind es noch 10 km bis zur Homebase. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Knapp 20 km habe ich jetzt in den Beinen. Die Pace lag bisher immer zwischen 5:30 und 6:00 min. Der Puls ist moderat. So langsam wird’s aber hart. Ab km 10 habe ich alle 5 Kilometer etwas Wasser aus meinem Camelbak genuckelt und ein Traubenzucker oder alternativ ein Gel-Chip genommen.
Jetzt muss ich mich wirklich zwingen durchzulaufen. Der Laufstil wird zunehmend schlurfiger. Im Nymphenburger Schlosspark begegnen mir viele frische Jogger, die fröhlich Ihre Runden ziehen, einzig ich komme auf dem Zahnfleisch daher. Von manchen ernte ich einen mitleidigen Blick. Um vom Schlosspark in die weniger privilegiertere Nachbarschaft zu kommen muss ich eine viel befahrene Straße überqueren. Normalerweise tue ich dies nicht an der Fußgängerampel, da diese eh ständig rot ist, sondern an den dafür vorgesehenen Fußgängerunterführungen. Heute befürchte ich jedoch, dass ich da nicht mehr aus dem Keller komme. Doch ich habe Glück die erste Ampel ist „grün“ die zweite hingegen, sagen wir mal „hellrot“, aber ich kann noch drüberwanken bevor mich ein heranbrausendes Wohnmobil platt macht. Uiuiui, das Manöver hat Kraft gekostet.
Im angrenzenden Kapuzinerhölzel, einem schönen Stadtwald, platsche ich geradewegs durch die Pfützen, die hier noch nicht abgetrocknet sind, ich habe da jetzt keine Kraft mehr drumherum zu tänzeln. Meine Schuhe und Beine sehen entsprechend aus, aber das ist mir jetzt wurscht, ich bin ziemlich alle, ich will jetzt nur noch ankommen. Ist das jetzt noch ein Gennusslauf?
Nach exakt 3 Stunden habe ich es geschafft. Ich bin wieder zuhause. Völlig entkräftet werfe ich mich aufs Sofa, natürlich ohne vorher meine Treter abzustreifen. Dafür habe ich dann auch gleich ein „Lob“ von der Gattin bekommen. Aber ein „Erdinger Alkoholfrei“ hat sie mir dann doch aus dem Keller gebracht. -Ist das Liebe?-
So, sobald ich mich wieder bewegen kann, wird für den Urlaub gepackt. Heute Nacht um vier holt uns das Taxi ab, hoffentlich verschlafe ich die Abfahrt nicht…
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Ich möchte Euch nicht zu sehr auf die Folter spannen, ich habe nicht verschlafen und bin mittlerweile im Urlaub angekommen, daher wird die Reaktion auf mögliche Kommentare etwas länger dauern. Ich bin ja im Urlaub…





