Sommerberglauf

Samstag, Juli 30, 2011

München, kurz vor den großen Sommerferien, ein günstiger Zeitpunkt noch mal so richtig am Rad zu drehen, auf der Arbeit geht‘s mal wieder so richtig rund. Ist natürlich alles waaaahnsinnig dringend, alles Prio 1…

Und da wollte ich mich doch am Donnerstag ab 17:00 Uhr heimlich still und leise verkrümeln, denn am Abend stand der Sommernachtslauf auf meiner Lauf-Agenda. Gegen 16:00 Uhr sah es jedoch eher danach aus, dass das eher ein Weltuntergangslauf werden würde, draußen goss es aus Kübeln.

-Schnell mal das Niederschlagsradar konsultieren-, Der Kachelmann in mir (also wettertechnisch) sagt, das hört auf, der Lauf könnte trocken verlaufen. Also stehle ich mich kurz nach fünf von der Arbeit.

Zuhause angekommen freut sich die Familie, dass Vati so früh nach hause gekommen ist.

Frau: „Schon zu hause? Hast du einen halben Tag Urlaub genommen?“

-timekiller.: „Höhö, guter Witz“

Tochter:  Oh, toll Papi, dann kannst du ja mit mir Barbie spielen…

-timekiller-: Ne, geht nicht ich habe heute Abend noch den Sommernachtslauf, da muss ich spätestens um sieben los, ich mag noch was essen und umziehen muss ich mich auch noch.

Tochter (entrüstet): „Mensch Papa, du machst jetzt auch wirklich jeden Lauf mit!“

-timekiller-(sprachlos): —

Schmollend packe ich meinen Beutel, zur Sicherheit nehme ich mal was zum Wechseln mit und eine Regenjacke ist vielleicht auch kein Fehler, wer weiß, ob meine Prognose stimmt.

Kurz vor sieben verabschiede ich mich von der Familie, und jogge  zum Aufwärmen schon mal locker in den Olympiapark.

Rund um das Olympiastadion herrscht jede Menge trubel, Sattelschlepper rangieren, aus dem Stadion dröhnt laut Musik. Morgen am Freitag, spielt „Take That“ im Olympiastadion. Wir kommen heute schon mal in den Genuss des Soundchecks.  Das ist auch der Grund weshalb wieder die Laufstrecke geändert werden musste. Ich nehme jetzt das vierte mal am Sommernachtslauf teil, aber jedesmal auf einer anderen Strecke. Diesmal haben sich die Veranstalter eine besonders schöne Streckenvariante einfallen lassen. Zweimal sollte es dabei über den Olympiaberg gehen. Auf dem Streckenplan als „Heartbreak-Hill“ bezeichnet.

Strecke des Sommernachtslauf 2011

35 Höhenmeter auf 700 Metern hören sich nicht viel an, unsere Leser aus Österreich mögen darüber nur müde lächeln, aber das hat es schon in sich, Schließlich werden hier auf dem Hügel ja auch im Winter Skirennen veranstaltet, und es ist ja leider auch nicht die einzige Steigung auf der Strecke, die anderen sind zwar wesentlich kürzer, aber nicht minder steil. Also keine Strecke um seine PB zu verbessern. Insgeheim hatte ich nach dem Firmenlauf darauf gehofft, hier und heute meine PB zu verbessern. Aber zweimal über den Berg, das kostet Körner… Ich stelle mal die Pace auf meinem Garmin auf 4:50, das ist immer noch ambitioniert genug.

An der „Werner-von-Linde-Halle“ (direkt hinter dem Olympiastadion) sammeln sich langsam die Läufer. 1200 Teilnehmer sind gemeldet, das werden auch jedes Jahr mehr. Entsprechend lange sind die Schlangen vor den Toiletten.

Dennoch schaffen es alle sich pünktlich zum Start zu versammeln.

Der Startschuss fällt und die Meute prescht los. Wobei, ich habe das Gefühl,  alle lassen es etwas verhaltener angehen, wahrscheinlich haben viele Respekt vor der Strecke. Auch ich versuche mich einzubremsen und nicht wieder den alten Fehler zu machen…

Bei km 1 bekomme ich die Quittung: 4:28 min. –prima gemacht, schneller geht ja kaum noch-

Am Kilometerschild hat der Veranstalter ein Spruch angebracht: „KM 1: wenn der mal nicht zu schnell war“ Ich muss spontan lachen, wie treffend.

Hinter mir schließt ein Läufer auf und fragt, „Und? Wie schnell?“ Ich gebe Ihm die Zeit durch, dann lässt er sich wieder zurückfallen.

Km 2 kommt schneller als erwartet, der Spruch auf dem Schild diesmal: „Der Berg erscheint steiler je näher man kommt“. Meine Uhr zeigt 4:24 min! -???- Ich kann mich nicht entsinnen jemals so schnell unterwegs gewesen zu sein. Ungläubig klopfe ich auf die Uhr, ist das Ding kaputt?

Der Läufer von km1 schließt wieder zu mir auf, „Und? Wie schnell?“

-Zu schnell, 4:24 min- keuche ich. „Ach, des bast scho“ entgegnet er.

Und jetzt geht es auch noch den Berg hoch, verdammt das wird ganz übel ausgehen, ich werde so was von eingehen…

Ich zwinge mich langsamer zu laufen, den Berg hoch fällt das nicht ganz so schwer.  Bei Kilometer 3 zeigt die Uhr 5:00 min, und der Spruch auf dem KM-Schild: „Grabe den Brunnen bevor du Durst bekommst“. -hier auf dem Berg muss ich dann aber tief buddeln-

Jetzt geht’s erstmal wieder runter. Das heißt: Gang raus und laufen lassen. Bei km 4 durchbreche ich mit 4:18  die –timekiller-Schallmauer. Das dazugehörige Schild habe ich jedoch verpasst, war da eins?

Wieder schließt der wissbegierige Läufer auf, und Fragt nach der Zeit.

-Ja bin ich denn hier die Zeitansage?-

Langsam habe ich für derartige Kommunikation keine Puste mehr. -4:18- hauche ich.

Und dann zieht er an mir vorbei und läßt mich sowas von stehen. Ja holla, der will‘s jetzt aber wissen.

Es geht zurück zum Aufwärmplatz, die Verpflegungsstelle lasse ich links liegen, vor mir sehe ich wie der „Mann ohne Uhr“ in den Zielkorridor einbiegt. –Ach ne, nur ne kleine Runde, Feigling!-

Ich begebe mich weiter auf die zweite Runde, über eine kurze Steigung geht es zurück auf die bekannte Strecke. Direkt am  Olympiastadion führt die Strecke steil nach unten um dann gleich wieder steil nach oben zu gehen, da gilt es Schwung mitnehmen. Im Physikunterricht hat die Umwandlung von potentieller in kinetische Energie und zurück eigentlich immer ganz gut geklappt. OK, ein bisschen Verlust gibt’s immer. Aber hier sind wir halt nicht im Labor, und ich bin  kein Perpetuum mobile. Vielleicht liegt‘s ja auch an der erhöhten Reibung in meinen morschen Gelenken. Ab der Hälfte der Steigung muss ich ziemlich beißen. Das Schild bei Km 6 sagt: „noch vier, dann Bier“ -Oh Gott, sind die gemein…-

Es geht wieder über den Heartbreak-Hill, mein Puls geht dabei gleich durch die Decke, die Oberschenkel brennen, und das 7 km Schild sagt: „Der Weg ist das Ziel“ –Na Bravo, aber nur im Ziel gibt Bier-

Das Schild bei km 8 habe ich wieder verpasst, war da eins? Die Uhr zeigt für die letzten Kilometer konstante 4:48 min an. Ich beginne zu rechnen… Das könnte ja doch noch reichen, jetzt muss ich dran bleiben, ich ziehe wieder an. Mit 4:42 min werden meine Bemühungen belohnt. Zeit die –timekiller-Rakete zu zünden,

-Pfffft-

Da kommt nix, Fehlzündung! Ich versuche nochmal zu zünden, aber die Lunte ist wohl feucht geworden. Da es nicht geregnet hat, wird wohl mein Schweiß schuld sein. Da überholt mich eine ältere drahtige Läuferin, durchtrainiert bis zum kleinen Zeh. Die Frau hat wahrscheinlich 1% Körperfett. Da werde ich doch bei meinen 15% noch irgendwo ein paar Reserven locker machen können. Fett brennt doch. Na also! Die –timekiller-Rakete zündet, spät, aber immerhin. Ich stürme wie ein bekloppter über die Bahn, ich kassiere noch das Dörrfleisch und kann eine weitere Läuferin kurz vor der Zielmatte einholen, den nächsten Herren schaffe ich nicht mehr.  Egal, mit einer Pace von 3:58 auf den letzten Kilometer fahre ich eine PB von 45:42 ein.

So, jetzt hole ich mir mein Bier, das habe ich mir jetzt verdient.

Der Sieger Gerhard Karl beim Abstieg vom "Heartbreak-Hill" -Bild von X2RUN.COM-

9 Comments

  1. Der gelernte Höhenläufer aus Österreich hat natürlich gelächelt – und wie! Aber vor Freude über deine Leistung. Da hast du den -timekiller-turbo- aber ordentlich gezündet! Wansinn!!

    Ich hoffe das Bier im Ziel hat geschmeckt und deine Familie lässt dich ab jetzt öfter zu einem Rennen! Herzlichen Glückwunsch!!

    Noch was: Machst du auch Wettbewerbe außerhalb des Olympiaparks? *lacht*

    1. timekiller sagt:

      Hallo Reinhard,

      ja, das Bier ist förmlich auf meiner noch glühenden Endstufe verpufft.

      Ab und zu trete ich auch außerhalb des Olyparks an, aber du hast schon recht über 50% meiner Läufe bestreite ich derzeit im Park. Ist halt so schön praktisch. Aber den nächsten Lauf im Olypark gibts von mir erst wieder im Dezember zum Nikolauslauf, versprochen.

      Grüße aus dem Olympiapark

      -timekiller-

  2. Volker sagt:

    45:42 min auf 10 km???

    Ich glaube ich laufe Weihnachten doch keine Runde mit Dir. Da seh ich ja alt aus gegen die Timekiller-Rakete. Du nimmst mir auf der Strecke glatte 4 min ab. Gratuliere!

    Aber im Dezember wollen wir ja auch kein Wettrennen starten, gelle? Dann würde ich es mich doch trauen mit Dir ne Runde zu drehen.

    LG aus Oldenburg
    Volker

    1. timekiller sagt:

      Hallo Volker,

      ich glaube schon, dass wir in der gleichen Leistungsklasse laufen, denn eine Schwalbe macht ja noch keinen Sommer ;-).

      Ich denke nicht, dass wir uns an Weihnachten duellieren müssen, da kommt ja sonst die Unterhaltung etwas zu kurz, außerdem verlaufe ich mich ja sonst wieder ohne einen ortskundigen Eingeborenen.

      Grüße aus München
      vom -timekiller-

  3. Evchen sagt:

    Na also. Bist ja doch gestartet UND durftest mal wieder eine Bestzeit nach Hause fahren. Irgendwie…. lese ich hier in ziemlicher Regelmäßigkeit von pulverisierten Altzeiten, hm? Bravo!

    1. timekiller sagt:

      Hallo Marathon-Trainingspartnerin,
      es geht mir wie Dir, das Marathontraining macht sich einfach bemerkbar. Aber ich befüchte, das Ende der Fahnenstange ist langsam erreicht. Ich bin ja keine 20 mehr.

      Grüße -timekiller-

      1. Evchen sagt:

        Mit Dir würde ich echt gern mal ein Trainingsblogpostduett schreiben. Was das ist? Keine Ahnung. 😀

  4. Supermario72 sagt:

    Erst einmal meinen herzlichsten Glückwunsch! Klasse!

    Das war mal wieder so ein Bericht, so richtig nach bester Timekiller-Manier! „…. ich kassiere noch das Dörrfleisch ….“ . 😉

    Aber Deine Berichte erwecken auch immer so ein bisschen den Eindruck, als wärst Du ein „blutiger Anfänger“, der ganz zufällig einen guten Tag erwischt hat. Das ist so ein bisschen gespieltes Understatement, oder!? 😉 Bei einer 45:42min auf 10km kaufe ich Dir das langsam nicht mehr ab! Da steckt nicht nur pures Glück dahinter …. 😉 Klasse Zeit!

    Grüße aus Köln!
    Mario

    1. timekiller sagt:

      Hallo Mario,

      Danke für die Glückwünsche.

      Solange ich in meiner Altersklasse unter ferner liefen einlaufe, fühle ich mich schon noch als Anfänger. OK, in den letzten 3 Jahren, habe ich einiges dazu gelernt und bin somit kein blutiger Anfänger mehr. Aber den inneren Kampf, den ich während so eines Laufes ausstehe ist noch immer wie bei meinem ersten Lauf. Routine ist was anderes.

      Ich würde mich freuen, wenn ich im Herbst ganz selbstbewußt von meinem Marathon in 3:30h (Spaß!) berichten könnte…. aber nach meinem langen Ausritt an diesem Wochenende fühle ich mich mehr denn je als Anfänger…

      Grüße -timekiller-

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