Archive for Oktober 2012

42.195, für einen Läufer ist diese Zahl so vertraut wie dem Mathematiker die Kreiszahl π, oder dem O die 2. In der Läuferwelt dreht sich alles um diese Zahl. Jeder Läufer möchte sie irgendwann mal knacken, die 42,195km des Marathons, oder zumindest die Hälfte, ein Halbmarathon sollte es schon sein. Ganz emsige schießen auch übers Ziel hinaus und laufen gleich zwei Marathons und mehr am Stück. Aber für die große Masse ist der Marathon das große Ziel.

Hat man das Ziel einmal erreicht, hören die meisten nicht auf mit dem Schmarrn, sondern rennen einfach weiter.  Neue Herausforderungen werden gesucht, unter Tage im Bergwerk  oder im Elbtunnel wird gelaufen, andere gehen für einen halben Tag ins Gefängnis und drehen gemeinsam mit den Insassen Ihre Runden. Ganz ambitionierte rennen in der Schweiz 42km den Berg hoch.

Ebenso wie die Location, lassen sich Jahreszeiten und Klima austauschen, so gibt es zu jeder Jahreszeit (auch im Winter) Marathons. Wem der hiesige Sommer zu kalt bzw. der Winter zu warm ist, der rennt kurzerhand  beim Marathon des Sables durch die Wüste ober eben durchs Eis beim Baikal Marathon.

Die Veranstaltungen haben eins gemeinsam, die  Teilnehmer mache das alles nur aus Spaß, behaupten jedenfalls alle.

In diesen Reigen der Spaßläufe reiht sich nahtlos unser kleiner

Bestzeit! Marathon!

 

ein, den wir am kommenden Wochenende in München, zu extremer Zeit, bei extremer Kälte und  extremer Dunkelheit  laufen wollen.

Der Start erfolgt in der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober genau um 0:00 Uhr.  Als besonderes Geschenk, erhält jeder Läufer, der den Marathon in über 3 Stunden läuft, eine Stunde geschenkt.

Na, ist das nicht großzügig?

Wer hat denn schon Zeit zu verschenken?

Wir! Und wir schenken Euch in der Nacht der Zeitumstellung eine Stunde, wer möchte da schon im Bett liegen und dieses Geschenk verschlafen?

Na, na? Kribbelt es schon in den Beinen?

Weitere Infos gibt‘s auf www.bestzeitmarathon.de. Interessierte bitte eine Mail, mit Name und Jahrgang (für die Urkunde) an info@bestzeitmarathon.de senden, damit wir uns ein bisschen einstellen können. Weitere Infos  über Ablauf  und  Ort erhaltet Ihr dann per Mail.

Für Eure Planung  noch ganz hilfreich, wir werden aller Voraussicht nach im Ostpark laufen.

Nach Berlin, wollte ich eigentlich NIEMALS mehr einen Marathon laufen, aber wenn ich mir anschaue wie Chief-Balla, der alte Technik-Fuchs, sich ins Zeug legt um eine professionelle Zeit- und Rundenmessung zu realisieren, kann ich gar nicht anders als auch mit zu laufen, ist ja auch nur zum Spaß…

Was war das für ein geniales Marathon Wochenende in München! Klasse! Sensationelles Laufwetter, ich bin noch ganz benommen… Ward mir doch vor zwei Wochen, das Glücksgefühl beim Zieleinlauf des Berlin Marathons verwehrt geblieben, so bin ich heute regelrecht trunken vor Glück, und  suhle mich in Selbstzufriedenheit.

Beim 10er anlässlich des München Marathons hatte ich mir nix großartiges vorgenommen, außer vielleicht unter 50 Minuten zu bleiben,  aber das scheint ja mein Geheimnis zu sein. Nix vornehmen, um dann ganz unbeschwert, ordentlich einen raushauen. Es wurde keine Bestzeit, aber zwei Wochen nach dem Marathon wäre das auch zu vermessen gewesen.

Vor dem Start traf ich in den vorderen Reihen @GUracell aus Österreich, eigentlich war ich auf der Suche nach @Jensandmie, den ich bei der Kleiderbeutelabgabe verpasst hatte. Ich erkannte @GUracell sofort, praktisch, diese #Twitterlauftreff -Shirts. Nach einer kurzen Unterhaltung mit @GUracell sortierte ich mich etwas weiter hinten im Startblock ein.

Der Starschuss fällt und das Feld setzt sich in Bewegung. Wie immer sind die ersten hundert Meter etwas eng. Ich verfluche mich innerlich, weshalb ich  nicht  in den vorderen Reihen geblieben bin. Jetzt bin ich hier am Lieschen Müller  umkurven. Beim ersten Kilometer steht die Pace bei 4:40, aber was ist das? Die Entfernungsangabe des Garmins zeigt schon km 3

– ???-

Mist, ich Trottel habe vergessen den Garmin nach dem Warmlaufen zurück zu setzen. Naja, ist ja auch egal, die Jungs von MikaTiming sind ja da, da brauche ich mir um die korrekte Zeiterfassung keine Sorgen zu machen.

Weiter geht’s. Die Kilometer laufen so dahin, ab km 3 fängt das linke Schienbein (welches auch sonst)  an zu schmerzen. –Ha! Das sollen Schmerzen sein? Da lach ich ja! In Berlin, ja, das waren Schmerzen,  richtig dolle Schmerzen, aber das hier, das ist ja Kindergeburtstag. -Abphü!-  Ich ignoriere den Schmerz, und laufe einfach weiter. Man kommt auf die Leopoldstraße, es geht Richtung Siegestor, kurz vor dem Odeonsplatz ist die Wende, dann geht es wieder die Leopoldstraße  zurück in Richtung Münchner Freiheit. Bei km 5 werden Snacks gereicht, aber ich laufe trocken durch, ich mache ja heute nur den Bambinilauf, da brauchts keine Häppchen zwischendurch. Ich versuche konstant meinen Schnitt zu halten, das gelingt auch erstaunlich gut.  Geplant hatte ich  ursprünglich mit einer 4:45 zu starten um dann zu sehen wie es so läuft.  Die ersten Kilometer lief ich in  4:40, und hey, es fühlte sich gut an. Also, hielt ich den Schnitt und schaute wie weit ich damit komme.

Bei Kilometer sieben stelle ich fest, dass mein MP3-Player überhaupt nicht läuft. Und ich laufe IMMER mit Musik, außer ich bin in Begleitung. –Mensch, heut bin ich ja überhaupt nicht bei der Sache-. Erst den Garmin nicht zurück gesetzt, dann die Musikbox nicht angeworfen… Wo habe ich heute bloß meinen Kopf, was kommt da sonst noch?

Auf dem Weg zurück zum Olympiastadion passiert man  nochmals den Startbereich bei km acht. Hier ist man bereits am Abbauen. Die Bühne für die Musikanten wird demontiert und die Werbebanner werden von den Absperrgittern entfernt. Irgendwie hat man das Gefühl man gehöre zur Nachhut. Das Publikum hat sich auch längst in den Olympiapark und ins Stadion zurück gezogen. Und dabei werden die Marathonläufer hier frühestens in einer Stunde erwartet, wie die sich dann erst fühlen werden? Ich finde, das ist der schlimmste Abschnitt beim München Marathon. Der Bereich vom Nordbad, die Schwere-Reiter Straße entlagen, die Ackermannstaße bis hin zum Eingang des Olympiaparks. Hier ist nur wenig los.  Und gerade hier könnten die  Marathonis am dringensten Unterstützung gebrauchen. Jedenfalls habe ich das letztes Jahr so empfunden.

Gedanklich zähle ich die Kilometer bis km 9 runter, dann will ich mal wieder die –timekiller- Rakete zünden. 1200 Meter vor dem Ziel, vor den Toren des Olympiastadions steht ein Moderator und gibt letzte Tipps über Lautsprecher. Es läuft laute Musik,  ich ziehe an, jetzt will ich es wissen. Ich sammle Läufer um Läufer ein. Ich biege in das Olympiastadion ein, durch den Disko-Tunnel geht’s ins Stadion. Die Fotografen, habe Ihre Arbeit aufgenommen –blitz-blitz-blitz-.  Im Stadion hätte ich eigentlich die Tartanbahn erwartet, doch dort wo früher die Tartanbahn war, wartet nun grauer Asphalt, der Rennbelag der DTM. Na, dann wollen wir halt auch noch den Turbo hinzu schalten. Die Stadionrunde führt um einen Kunstrasenplatz, auf den letzten 200 Metern wurde die Tartanbahn dann doch noch aus braunem Kunstrasen nachgebildet. Es ist, als laufe man auf einem Flokati, auf einem dicken Flokati!  Jetzt bloß nicht stürzen…

Mit 46:51 gehe ich über die Ziellinie. Hach, das war ein guter Lauf. Keine Bestzeit, aber ich konnte die gesamte Strecke das Tempo kontrollieren, und das ist nicht immer so bei mir. Das fühlt sich gut an.  Ich bin zufrieden. Im Ziel treffe ich Henrik, der für die RunningCompany Fotos macht. Wir unterhalten uns kurz, doch ich habe wenig Zeit, ich muss weiter. Ich hole mir noch schnell  ein Getränk und schon verlasse ich die Münchner Salatschüssel wieder. Ich muss nach Hause. Meine Tochter muss pünktlich um 12:30 Uhr in Obersendling zur Ballettprobe erscheinnen, sonst gibt‘s Mecker.

Nach der Kleiderabgabe gehe ich zu meinem Fahrrad. Naja, eigentlich ist es ja nicht mein Fahrrad, sondern das Rad meiner Frau, mein alter Klepper glänzte heute früh mit einem Platten, deshalb war ich auch zu dem geplanten Treffen mit @jensandmie zu spät gekommen.  Mit dem Rad meiner Frau gibt es nur ein Problem,  wir haben da keinen Schlüssel mehr für das Speichenschloß, den hat die Gattin dieses Jahr auf dem Tollwood verloren, und für das neue Bügelschloß habe ich keinen Schlüssel. Der Schlüssel ist übers Wochenende in Istanbul, zusammen mit meiner Frau. Ich habe daraufhin das Fahrrad einfach so genommen, und drauf gebaut, dass das jetzt schon keiner klauen wird. Am Olympiastadion habe ich das Fahrrad einfach zu einer Gruppen von Fahrrädern gestellt, die alle wesentlich moderner und besser aussehen, als das Modell meiner Frau.

Wie ich jetzt zu dem Fahrrad komme sind die anderen Fahrräder weg. Nur meines steht noch da. Und!  Es ist ABGESCHLOSSEN -!!!-

-?!?-

Hä, habe ich etwa im Reflex…, nein, ich,  NIE .. Aber wer macht denn sowas? Einfach fremde Räder abschließen….

-Hargl, @#!%!!!-

Dreck, Dreck, Dreck, irgendwas ist aber auch immer. Verzweifelt rüttle ich an dem Bügel. Wir hatten seinerzeit das Fahrrad stehen lassen und  es des Nachts mit dem Auto abgeholt, um dann, auf heimischen Boden mit Hilfe einer Grillgabel als Dietrich das Schloss zu öffnen. Jetzt habe ich natürlich gerade keine Grillgabel zur Hand…

Es hilft nix. Ich muss laufen. Ich muss spätestens um 12:00 Uhr zu hause sein, sonst fällt mein Zeitplan in sich zusammen. Vom Olympiastadion zur Homebase sind es genau 3km, und jetzt ist es  11:45 Uhr. Man muss kein mathematisches Genie sein, um die Pace zu errechnen, die ich jetzt anschlagen muss um im Zeitplan zu bleiben.

Laufschuhe habe ich ja noch an, die Bändel der Kleidertasche werden zusammengezurrt und los geht’s. Timekiller in Action!

Ich bin die Strecke weiß Gott schon hunderte Male gelaufen, aber noch nie so schnell, und vorallem nicht mit einem Kleiderbeutel auf dem Rücken, der mit den Wärmeklamotten und einer Wasserflasche vollgestopft ist, und wie blöd auf dem Rücken rumwackelt.  Die zwei roten Fußgängerampeln auf meinem Weg ignoriere ich diesmal ausnahmsweise, und so gehe ich um 12:01 ein zweites Mal für heute über eine Ziellinie.

Ich scheuche meine Tochter ins Auto, die natürlich noch nicht fertig war, und ziehe mir selbst ein frisches Shirt aus meinem  Wechselbeutel über. Mit einer Flasche Wasser bewaffnet, die ich jetzt dringend brauche, setze ich mich ins Auto und fahre quer durch München von Moosach nach Obersendling. Zum Glück kreuzt die Marathonstrecke nicht meine Route, sonst hätte ich ein richtiges Problem. Der Verkehr, die Ampeln, und die anderen Verkehrsteilnehmer sind milde gestimmt und so kann ich die Tochter um 12:28 pünktlich zur anstehenden Generalprobe abliefern.

-Puh !!!-

So, und jetzt? Ich blicke auf die Uhr. Ich könnte um 13:00 Uhr wieder am Olympiastadion sein, die Elite, die Sub3 Läufer, habe ich zwar verpasst, aber jetzt kommt das normale Volk, die haben jede Unterstützung verdient. Ich parke mein Auto bei der Bundeswehrverwaltung am Rande des Olympiaparks und begebe mich zu Kilometer 41, dort wo der Moderator die Läufer auf Ihren letzten Metern anfeuert. Hier läuft auch Musik, da kann man es aushalten.

Auf dem Handy checke ich die Position von Frank von TrackMyRun. Nach seiner letzten Zwischenzeit bei km32 wird seine Zielzeit mit 13:30 Uhr prognostiziert, das wären 3:30h. Der Hammer, der Junge ist gut unterwegs. Ich stelle mich an die Strecke und feuere die Läufer an.  Leider sind die Namen, die auf die Startnummern gedruckt sind so klein, dass ich Blindfisch diese  erst lesen kann wenn der Läufer eigentlich schon an mir vorbei ist. Ein persönliches ansprechen ist damit  nicht möglich. In Berlin fand ich das ganz nett, wenn mir einer meinen Namen zu gerufen hat. OK, meinen Namen kenne ich im Grunde, aber trotzdem motiviert es mehr, wenn einer ruft, „Los -timekiller-, du packst das“ oder sowas eben.

Zwischendurch checke ich immer wieder das Handy, um die Zwischenzeit bei der 40km Marke von Frank abzurufen, aber die Zwischenzeit kommt und kommt nicht. Ich vermute ein technisches Problem mit der Echtzeitübermittlung der Ergebnisse. Langsam würde es Zeit werden. Ich hatte mir vorgenommen, Frank laufend bis zum Marathontor zu begleiten, vielleicht kann ich Ihn ja auf den letzten Metern noch ein bisschen ziehen. Im Stadion läuft er das dann vollends alleine.

Aus dem Nichts spricht mich plötzlich eine junge Frau an. Erstaunt blicke ich von meinem Handy auf. Das passiert mir jetzt nicht soooo häufig. Ich bin verwirrt, die Letzte die das gewagt hat, ist jetzt mit mir verheiratet.

„Hey, Du bist doch der –timekiller-?“ Ah, und dann auch noch eine Insiderin, eine Läuferin? Ich scanne meine Facebook Freundschaften,  Mensch das könnte doch …

„Ich bin Sarah Emily“.

-Ja, natürlich!- Spontan umarme ich Sie. „Wir stehen da drüben und feuern 100 irische Polizisten an“

-Ah, ja!? Ich hingegen warte nur auf Frank, der muss hier gleich durchkommen, ist schon überfällig, hoffentlich ist dem nix passiert.-

Ich halte noch meine Position direkt am 41er Schild, aber Frank kommt nicht. Habe ich Ihn doch verpasst? Wahrscheinlich, als ich gerade seinen Status auf dem Handy gecheckt hab, anstatt auf die Läufer zu achten. Mist!

Ich gehe zu Sarah rüber und wir feuern gemeinsam die irischen Polizisten an, und wir unterhalten uns nett über virtuelle und reale Laufkollegen und über dies und das, und über den Plan von Sarah, nächstes Jahr vielleicht doch auch wieder beim München Marathon mitlaufen zu wollen. Ein guter Plan!

Gegen 14:30 Uhr verabschiedet Sie sich, es geht zu Ihrer anderen  großen Leidenschaft, dem Eishockey des EHC Red Bull München.

Ich hingegen bleibe noch am Straßenrand stehen, und feuere weiterhin die angehenden Marathonis an, unter die sich nun zunehmend auch die Halbmarathonis gemischt haben, die um 13 Uhr vom Effnerplatz gestartet waren.

Gegen 15:30 verlasse  dann auch ich meinen Posten, es wird Zeit zu duschen.

Und danach geht’s mit der Grillgabel zurück zum Olympiastadion.

Kaum rennt man unter Schmerzen 42 Kilometer durch eine fremde Stadt, schon gehen die Besucherzahlen auf meinem Blog durch die Decke. Wenn das nur nicht so weh tun würde, würde ich das ja öfters machen. Apropos Schmerzen. Ich habe keine! Klingt seltsam, ist aber so.

Direkt nach dem Marathon bin ich zwar noch ziemlich wackelig durch den Tiergarten gehumpelt, aber schon am Montag früh ging es mir wieder blendend.  OK, die Knie spürte ich schon beim Treppen steigen, aber das ist auch alles.

Oberschenkel – nix

Achillessehne –nix

Ich muss ein anatomisches Wunder sein. Liegt vielleicht auch daran, dass am Sonntag meine Scherzzentrale komplett ausgebrannt ist. Vielleicht habe ich ja noch Schmerzen, ich spür nur nix mehr, weil keiner mehr da ist, der den Schmerz meldet.

Wurde mein Köper während einer Pervormance von Pussy Riot (Ortgruppe Berlin) ausgetauscht?

Oder aber, mein Körper wurde über Nacht vertauscht. Einfach so. Gut, ich sehe noch immer genauso (gut) aus,  nur habe ich eben keine Schmerzen mehr. Und! Mein neuer Körper wiegt jetzt 3 kg weniger.

-!?!-

Ich laufe jetzt seit 5 Jahren. Und ich habe noch NIE abgenommen. Habe ich ja auch nicht nötig. Vor dem Marathon brachte ich noch 75 kg auf die Waage und jetzt sind es 3 kg weniger. Ein Indiz dafür dass meine Theorie stimmen muss. Der arme Kerl, der jetzt in meinem abgewrackten Körper steckt, thiiiii!

Am Sonntagnachmittag hatte ich mir schon die abenteuerlichsten Ausreden einfallen lassen, um meinen Geschäftstermin am Montag früh um 9:00 Uhr in Treptow irgendwie absagen zu können. Aber es ging mir am Montagmorgen einfach ausgezeichnet. So, habe ich den Termin wahrgenommen, habe mich zwei Stunden wichtig gemacht und kann jetzt unser Luxusappartement sowie die Fahrtkosten über die Firma abrechen. Hach, manchmal schlagen einfach meine schwäbischen Gene durch.

-Woisch, da ka i gar nix mache, gell! –

Und sonst? Nachdem ich letztes Jahr nach dem Marathon ein paar Wochen in einem rosa Kuckucksheim wohnte und enorme Energie verspürte und einfach glücklich war. Fühle ich mich heuer zwar gut, aber das ist auch alles. Ein weiteres Indiz!? Meine Frau traut dem Frieden zwar noch nicht und lässt mich vorsorglich vorerst nicht alleine einkaufen. Sonst schleppe ich, nach meinen Spontankauf von letztem Jahr (eine Gitarre), diesmal ein Schlagzeug an. Das wollte ich nämlich auch schon immer mal lernen. Aber ich glaub das  spar ich mir auf, bis ich die 3:45 geknackt habe, und das kann dauern,  vor allem mit dem neuen Körper.

Mein neuer Körper hieß früher offenbar Josef Steiner und machte in Steigtechnik - die Ähnlichkeit ist verblüffend -

Selbst die überteuerten Marathon Fotos lassen mich diesmal kalt. Gut, die Fotografen hatten wohl ein einsehen,  so gibt es  nur zwei Fotos auf der Zielgeraden von mir. Man könnte gerade meinen ich wäre nur die letzten 300 Meter vom Brandenburger Tor bis ins Ziel gelaufen.

Ansonsten macht sich eine große Leere breit. Derzeit sind keine weiteren sportlichen Ziele in Sicht, die Saison ist rum.  Zeit für eine Analyse.

Eine 3:45 wäre durchaus machbar gewesen, aber mehrere Faktoren verhinderten dies.

Zum einen habe ich die Menschenmenge unter- und mich überschätzt. Nachdem mein Debüt im letzen Jahr so gut gelaufen ist, und ich auf Anhieb die vier Stunden geknackt habe, habe ich etwas den Respekt vor der Strecke verloren. Sowas rächt sich eben.  Ein Marathon ist ein Marathon, und ist nicht einfach so wiederholbar, jedenfalls für mich nicht, wie sich gezeigt hat.

Auch hatte ich den Marathon nie als meinen einzigen Saisonhöhepunkt angesehen. So gesehen hatte ich drei sportliche Höhepunkte in diesem Jahr. Der Abstand zwischen diesen Events war etwas knapp, sodaß ich recht spät erst in die Marathon Vorbereitung einsteigen konnte. Der Triathlon im Juli über die Olympische Distanz war genial, und die Teilnahme möchte ich auch nicht missen, auch das Starnbergersee Schwimmen im August war super, allein was man da über Musik lernt ;-).  Allerdings hätte ich mich zu dem Zeitpunkt schon mehr auf den Marathon konzentrieren müssen.  Die langen Einheiten sind dieses Jahr aufgrund der netten Begleitung zwar besser gelaufen, wenn auch unter Schmerzen, aber ich habe den Fehler gemacht, dass ich zwischen den langen Kanten zu wenig Pause gemacht habe. So bin ich in den letzten 4 Wochen vor dem Marathon jedes Wochenende einen 30er bzw. 35er gelaufen und am Schluss noch den Halbmarathon am Tegernsee dran gehängt. Vielleicht war das zu viel, bzw. zu kompakt? Ja, ich weiß, es gibt Kandidaten, die laufen wesentlich mehr, aber  wenn ich mir meine Monatsstatistik ansehe, dann bin ich im September soviel wie noch nie zuvor in einem Monat gelaufen.  Ich denke zu einem großen Teil rührten die Schmerzen am Sonntag  von einer klassischen Überlastung her.

Monatslaufleitung

Das muss ich das nächste Mal anders machen. Ist halt immer schwierig, Trainingsplan, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.  Es bringt halt wenig, wenn man seinen Trainingsplan ständig umwirft und Einheiten tauscht. Bei der Erstellung eines solchen Plans hat sich ja sicher jemand was dabei gedacht. Aber es geht halt oft nicht anders. Ich bin ja nicht umsonst der –timekiller- denn die Zeit ist einfach immer mein härtester Gegner. Da muss man manchmal einfach flexibel sein, was sich dann eben auch in der sportlichen Leistung niederschlägt.

Hab ich was draus gelernt? Ja, aber ob ich es abstellen kann ist fraglich. Ich habe einfach zu viel Spaß an Wettkämpfen, da ist mir ein Jahreshöhepunkt einfach zu wenig. Ich möchte weiterhin gerne pro Jahr mindestens ein Triathlon machen, und auch das Langsteckenschwimmen hat mir sehr großen Spaß gemacht. Und  Marathon? Mal sehen ob es da einen dritten Anlauf gibt.

So klappts dann vielleicht auch mit der 3:45

Apropos Marathon, da lauert ja doch schon das nächste Projekt.

Der BestzeitMarathon!

Noch nix davon gehört? Hier gibt’s mehr Infos. Da packe ich dann auch die 3:45 und dann kommt die Schießbude in den Keller 🙂

Macht laufen vergesslich? Steigt durch exzessives Laufen das Risiko an Alzheimer zu erkranken? Ich glaube ja, und ich bin der lebende Beweis dafür.

Die Qualen des ersten Marathons im vergangen Jahr  sind längst vergessen, so werden recht überheblich neue Ziele gesteckt. In 3:45 sollte der nächste Marathon bewältigt werden, und das in Berlin. Alle sagen, Berlin ist super, Berlin hat eine schnelle Strecke, da trägt Dich die Begeisterung der Zuschauer förmlich ins Ziel, so hieß es.

-Alles Lüge! Man muß selber laufen.-

Bereits während meiner Vorbereitung zeigte sich, dass das Unternehmen doch nicht so ganz einfach werden wird. An den lagen Einheiten hatte ich ziemlich zu knacken. Und ein Marathon beginnt halt erst ab km30. Zu diesem Zeitpunkt war ich im Training mit meinen geschunden Knochen eigentlich schon immer komplett am Ende.  Kleinlaut korrigierte ich meine Ziele. Aber zumindest schneller als im letzten Jahr sollte es werden, und sub 4h ja sowieso. Beim letzten Lauf vor Berlin konnte ich am Tegernsee dann auch  noch etwas Selbstvertrauen tanken und fuhr mit einem guten Gefühl nach Berlin. Vielleicht ist ja doch mehr drin…

Berlin ist ja auch ohne Marathon eine Reise wert, so bin ich mit Gattin, bereits am Freitag angereist, damit ich auch ein bisschen was von Berlin habe.

Der Marathon wird die Verkehrssituation übers Wochenende nicht verbessern...

Am Samstagnachmittag starteten im Tiergarten die Skater auf die Marathonstrecke. Bei der Gelegenheit begutachte ich den Startbereich auf der Straße des 17. Juni, und war von den  Dimensionen sehr beeindruckt.  Von der Startline aus  ging ich Richtung Brandenburger Tor, die Startblöcke A, B, C, D sind noch relativ klein. Der Bereich E und F wird dann schon größer. Mein Startblock G, scheint überhaupt kein Ende nehmen zu wollen. Und danach kommt nur noch der Startblock H mit den Powerwalkern am Ende.  Erschreckend, wenn einem so die eigene Leistungsklasse aufgezeigt wird.

–Du bist einer von Zehntausenden, und Du stehst ganz hinten-

 

Ruhe vor dem Sturm...

Samstag früh gings zeitig mit dem Fahrrad zum Tiergarten, da ich bei 41.000 Startern mit einem mittelgroßen Chaos bei der Anreise, bzw.  bei der Kleiderbeutel Abgabe gerechnet habe. Aber das war alles perfekt organisiert. Wirklich, da muss ich dem Veranstalter ein großes Lob aussprechen. Die Organisation war perfekt.

Ich laufe mich ein bisschen ein, damit mein Fahrwerk auf Temperatur kommt und sortiere mich dann im Startblock G ein.

Um 9:00 Uhr werden die Profis gestartet. Zehn Minuten später ist der Startblock F und G dran. Währen der Startblock langsam an die Ziellinie vorrückt, verschwinde ich nochmal kurz aufs Dixi – die Nervosität-

Als ich wieder an die frische Luft trete, ist der Startblock fast komplett an mir vorbei gezogen. Ich laufe an der Seite nach vorne um nicht ganz von hinten starten zu müssen.  Ich denke der Dixi Ausflug war einer meiner ersten Fehler, den ich am Sonntag gemacht habe, aber da sollte ich ja nicht der einzige gewesen sein.

Um 9:14 starte ich offiziell ins Rennen. Auf den ersten Kilometern bin ich total beeindruckt von der Atmosphäre die an der Strecke herrscht und mir fällt  gar nicht auf, daß ich gar nicht recht vom Fleck komme.

Die Werte die mein Garmin für die ersten Kilometer anzeigt  sind im Grunde nicht schlecht, aber die Realität sieht anders aus, nur das bemerkte ich erst in der Nachbetrachtung.

Es ist extrem voll,  im Zickzack geht’s durch die Meute. Von der blauen Ideal-Linie, die sich durch ganz Berlin schlängelt, bin ich Meilen entfernt. So wundert es nicht, dass mein Garmin die Kilometer immer früher abpiepst. Am Ende waren es 800 Meter, die ich mehr auf der Uhr hatte, und die hatte ich alle auf der ersten Hälfte des Marathons gesammelt.

Masse Läuft

Ein stückweit laufe ich sogar auf dem Gehweg, weil auf der Straße kein Durchkommen ist. Plötzlich fällt mir ein älterer Italiener wie ein Käfer vor die Füße, er ist an den unebenen Gehwegplatten, die so typisch für Berlin sind, hängen geblieben. Ich fasse Ihn unter die Schultern und helfe ihm wieder auf, frage ob alles in Ordnung ist.  „Io sto  bene, grazie“. Ich sortiere mich wieder auf der Straße ein, nicht dass ich der nächste bin, der auf der Nase liegt.

Die erste Verpflegungsstelle kommt, ich bin erstaunt wie viele schon nach 6 km zum Catering gehen. Der Lindwurm kommt ins Stocken und die Sekunden verrinnen. Es geht durch ein Meer an Plastikbechern, das hört sich an, als laufe man durch Cornflakes.

Die nächste Engstelle kommt in der Friedrichstraße, hier wird die Strecke etwas enger, was zur Folge hat, dass sich das Läuferfeld erneut staut. Ein Rollstuhlfahrer, der auf dem Abschnitt entgegen kommt, macht die Situation nicht gerade besser.

Im Schmerzzentrum geht zu dem Zeitpunkt die erste Warnleute an. Die linke Achillessehne meldet ein Problem. Seit letztem Dienstag macht diese sich gelegentlich mit leichtem Druck bemerkbar. Aus dem Grund habe ich auch in der Woche vor dem Marathon die Beine etwas ruhiger gehalten und bin am Freitag und Samstag  überhaupt nicht mehr gelaufen. Schließlich ist ja Tapering angesagt.  Ich will mal hoffen, dass das jetzt nicht schlimmer wird. Schließlich werde ich ja später dann noch genug mit Lolek und Bolek, also dem linken Oberschenkel und dem Knie zu tun haben.

Die Durchgangsmatte bei km 10 überlaufe ich mit einer 55:41, dass ich zu langsam bin, realisiere ich auch jetzt noch nicht, schließlich sind die Splitts, die mein Garmin anzeigt ja noch ganz in Ordnung.

Am Straußberger Platz bei km 12, nehme ich mir die Zeit und laufe bei der Umrundung des Rondells  gaaaaanz außen, um mir die nötige Anerkennung und Anfeuerung von Freunden abzuholen die hier stehen wollten.   Taten sie aber nicht. Später erfahre ich, dass meine EX-Freunde zu dem Zeitpunkt noch in den Betten lagen. Ist am Samstagabend dann doch später geworden.

Die Spitze hat mich längst abgehängt...

Bei Kilometer 14 nehme ich mein erstes Gel, um dann bei der nächsten Wasserstelle  mit Wasser etwas nach  zu spülen. Bisher habe ich versucht  die Verpflegungsstellen bei km 5, 9 und 12 weiträumig zu umlaufen,  diesmal muss ich aber in den Nahkampf an die Theke, und ich bezahle mit weiteren wertvollen Sekunden.

Ich ergattere einen Becher Wasser und schnorchle diesen mit dem  eigens dafür mitgeführten Trinkhalm.

Meine Splits werden besser, langsam nähere ich mich  dem Bereich in dem ich  eigentlich laufen sollte. Ich genieße die Atmosphäre die rundherum an der  Strecke herrscht, es gibt kaum ein Abschnitt an dem Niemand steht und die Läufer anfeuert. Die  Musikgruppen an der Strecke sind der Hammer, rund 90 soll es davon geben. Bei manchen würde man am liebsten stehen bleiben und zuhören. Am besten hat mir eine Trommler Gruppe gefallen, die in einer langen Unterführung standen und im Stile von „we will rock you“ getrommelt haben während alle Läufer dazu im Takt  aus vollem Halse  „YEAH“ riefen und gleichzeitig beide Hände in die Höhe rissen.

-Genial-

Aber die Freude währt nicht lange, bei km 18 geht der nächste Alarm in der Schmerzzentrale ein.  Die Achillessehne macht jetzt ernst und wechselt Ihren Status von Orange auf Rot, das ganze wird mit einem heftigen ziehen unterstrichen.  Wenig später bekomme ich bei km 20 die Quittung, ich kann das Tempo nicht mehr halten und werde wieder langsamer.

Mit einer Zwischenzeit von 1:57:08 zum Halbmarathon kapiert auch der blödeste, dass das mit einer geplanten 3:50 nix mehr werden kann. Bei mir dauert es etwas länger bis ich mit meinen blutleeren Synapsen das soeben erlaufene Ergebnis verdopple.  Bei km 23 ist es amtlich, das Rechenzentrum hat die Hochrechnung bestätigt; das wird nix. Wo habe ich nur die Zeit liegen lassen?

Für eine Analyse bleibt keine Zeit, denn in der Schmerzmeldezentrale geht ein weiterer Notruf ein. Der linke Oberschenkel vermeldet einen Kabelbrand. In der Zentrale bricht Hektik aus. Man versucht den Oberschenkel zu stabilisieren, das geht aber auf Kosten der Pace. Die Adrenalinausschüttung wird hoch gefahren um den Schmerz zu löschen. Der Laufstil wird aber zunehmend unrunder.

Wenig später macht der Druckanstieg im linken Knies das Chaos in der Zentrale komplett.

Ein Notfallplan wird kurzerhand aus der Schublade gezogen. Linderung durch Schmerzverlagerung, heißt der Plan.  Zur Ablenkung werden willige Passanten und Kinderhände abgeklatscht bis die Handflächen brennen.

Das lenkt zwar ab, aber meine Linke Seite steht weiterhin in hellen Flammen.  Bei der Timekillerproduktion, ist offenbar für die  linke Seite, ausschließlich minderwertiger Schrott verbaut worden.

Bei km 27 werden Gel-Tütchen gereicht. Auf dem folgendem Kilometer  bis zum „wilden Eber“ bekommt man daraufhin kaum seine Beine vom Boden. Alles klebt.

Die  Stimmung am „wilden Eber“, einer der Höhepunkte der Strecke, kann ich gar nicht mehr so richtig aufnehmen. Ich befinde mich längst in einem Tunnel aus Schmerz und Adrenalin, die äußeren Eindrücke dringen nur noch durch einen Nebel zu mir durch.  Durchhalteparolen werden wie ein Mantra immer und immer wieder wiederholt. Zum Glück habe ich meine Frau bei km 36 positioniert. Zumindest bis dahin möchte ich durchhalten. Wehe, die liegt auch noch im Bett, Sie war ja am Vorabend auch mit den Freunden vom Straußberger Platz unterwegs.

Bei Kilometer 32 reißt mich eine Textbotschaft auf einer Videoleinwand  aus meiner Lethargie.

Als ich über eine Zeitmatte gehe, erscheint auf einer großen Videoleinwand gegenüber die Botschaft:

„Timekiller, Zeit für den Zielsprint“

Ja, wie geil ist das denn.  Ich spüre förmlich wie neue Energie durch mich strömt.  Ich werde heute keine Bestzeit mehr abliefern, aber jetzt möchte ich zumindest  finishen.  Die nächsten Kilometer verbringe ich damit zu überlegen wer mir diese Botschaft geschickt haben könnte. Dann zähle ich nur noch die Kilometer bis zu km 36 runter.

Bei  km 35 (und 25) nehme ich ein weiteres Gel aus meinem Gürtel, danach geht es jeweils  in die Schlacht an der Getränketheke.  Ein Wasserloch verpasse ich, weil ich das Gewühl am Anfang umgehen wollte, und dann ist die Theke auch schon vorbei. Und jetzt? Etwa zurück gehen?

-NIEMALS-

War Erich Honecker eigentlich Marathon-Läufer? War von Ihm nicht das Zitat „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“

Am Ku-Dam angekommen ist das Läuferfeld endlich soweit auseinandergefallen, dass man ohne Schlangenlinien Laufen könnte. Aber an Überholen ist in meinem Zustand nicht mehr zu denken. Ich muss schauen, dass ich nicht selbst zum Verkehrshindernis werde.

Kurz hinter 36 Kilometer entdecke ich meine Frau und hole mir meine verdiente Streicheleinheit ab, soviel Zeit muss sein.

Hol mich hier raus...

Jetzt sind es „nur“ noch sechs Kilometer, versuche ich mich zu motivieren.

Auch die Zuschauer an der Strecke versuchen  zu Motivieren. Sie halten dazu selbst gebastelte Transparente in die Höhe.

„Quäl Dich, Rainer“

„Katrin, keiner hat gesagt es wird leicht“

„Papa, Du wolltest es so“

„Lauf die Sau“

Mein Absoluter Favorit aber ist:

„heul doch“

Ja, innerlich weine ich längst… Alle haben mir für den Marathon viel Spaß gewünscht. Nein, ich bin ehrlich, Spaß macht  das momentan nicht. Vielleicht bis km 15, aber jetzt? Spaß? Dass ich nicht lache. Was für eine bescheuerte Idee, 42 Kilometer durch eine Stadt zu rennen.  Gestern, die Skater, ja, das sah nach Spaß aus, aber das hier… Ich will  jetzt auch Rollen haben.

So geht Spaß...

Am Gendarmenmarkt bei Kilometer 40 keimt Hoffnung auf, den Rest  nun doch auch noch zu schaffen.  Hinter jeder Wegbiegung  vermute ich nun das  Brandenburger Tor zu sehen, aber es dauert noch verdammt lange bis ich endlich auf die Zielgerade einbiegen darf.

Ein Moderator ruft  „nur noch ein Kilometer bis ins Ziel“, ich schiele auf die Uhr: 3:55

-Arghh, das wird eine total enge Kiste-

Ich mobilisiere die letzten Kräfte, pfeife auf die Schmerzen und gebe das letzte was der geschundene Körper noch zu leisten vermag.  Ich renne durch das Brandenburger Tor, eigentlich wollte ich diesen Abschnitt genießen, aber dazu habe ich jetzt keine Zeit. Ich habe einen Marathon zu finishen und zwar  SUB 4h.

Die Erlösung ist nah...

Nach dem Tor  habe ich freie Sicht auf das Ziel.

–Oh Gott, ist das noch weit-.

300 endlose lange Meter.  Ich gebe alles.  In der Schmerzzentrale ist alles wild am Blinken und Piepsen, Funken sprühen aus den Armaturen …

Mit 3:59:12 gehe ich über die Ziellinie und ich bin…

…froh, dass es rum ist. Das mache ich nie wieder schießt es mir durch den Kopf.

Nach der Ziellinie möchte ich mich eigentlich sofort  hinlegen. Aber es ist kein Platz. Über Lautsprecher werden die Finisher aufgefordert langsam weiter zu gehen. –Ich will jetzt nicht mehr gehen, ich bin 42 km gelaufen, jetzt ist Schluss-. Ich spiele mit dem Gedanke einfach zu kollabieren, dann würde  ich davongetragen werden und würde eine erstklassige Zielverpflegung bekommen, vieleicht sogar intravenös.  Eine leckere Ringer Lactat…

Stattdessen legt man mir eine Plane um, und  hängt mir meine Finisher Medaille um.

Was zu trinken wäre jetzt ganz schön! Aber es sollte noch etwas dauern bis ich zur Zielverpflegung weiter geschleust worden bin.  In der Verzweiflung reiße ich das letzte Gel vom Gürtel und schlürfe dieses aus.  Das gibt mir die nötige Kraft um beim Erdinger Stand zwei Weißbier zu ergattern und mit  einer Tüte Zielverpflegung  auf der Wiese vor dem Reichstag ein freies Plätzchen zu suchen.

Die Tüte mit der Zielverpflegung ist etwas mager.  Eine Banane, ein Apfel, ein Milchbrötchen, Kekse und ein Tetrapack Wasser.  Nix Salziges. Und dafür bin ich jetzt so weit gelaufen?  Während ich die Banane mampfe, fällt mein Blick auf meine Waden. Diese scheinen ein Eigenleben zu entwickeln. Irgendwas arbeitet da unter der Haut. Ich spüre nix, aber es sieht aus, als ob ein Frettchen unter einer Decke mit einem Ball spielt.  Eigentlich müsste jetzt  gleich der Krampf kommen…

Um 14:30 bin ich mit meiner Frau in einem Cafe am Rande des Tierparks verabredet.  Ich komme natürlich zu spät. Ich bestelle ein Bier und einen Zwiebelkuchen. Wenig später kommt eine Familie angerauscht und annektiert die Plätze hinter uns. Die Frau ist extrem betriebsam und beginnt das Mobiliar des Cafes neu zu ordnen . Da es etwas eng ist bittet sie mich  mit dem Stuhl zu rutschen, damit Ihr Mann die Beine hochlegen kann. „Wissen Sie, mein Mann ist gerad ein Marathon gelaufen und wir haben heute noch viel vor“

-Ne, echt?- entfährt es mir, und ich denke:

So eine arme Sau…

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