Archive for August 2012

Die Nachwehen meines Schwimmevents vom letzten Samstag machten sich noch ein paar Tage später bemerkbar. Meine Wade, die durchaus real verkrampft war, machte mir übers Wochenende zu schaffen.

Am Samstag hatte ich zwar leichte Schmerzen, das hielt mich jedoch nicht davon ab, nachmittags  einen (wirklich) lockeren Lauf zu unternehmen. Da war ich noch zuversichtlich, dass die Wade schnell wieder heile sei. Am Sonntag früh bekam ich jedoch die Quittung. Ich kam kaum aus dem Bett und die Treppe weder rauf noch runter. Da war an Laufen nicht zu denken und schon gar nicht an einen langen Lauf, der laut Trainingsplan auf dem Programm gestanden hätte. So habe ich die Zeit genutzt und habe dafür einen laaaaaangen Aufsatz geschrieben.

Montag früh besorgte ich dann in der Apotheke eine neue Tube Kytta Salbe. Ich hatte zwar noch Voltaren, aber das hat bei mir noch nie geholfen. Da montags immer lauffrei ist, wollte ich mit dieser liebgewonnen Tradition nicht brechen und wagte erst am Dienstag einen erneuten Angriff auf die Wadenmuskulatur.

Acht Kilometer gaaanz locker, die Wade hielt, aber es war trotzdem nicht mein Lauf. Ich fühlte mich träge, müde, ich quälte mich durch meinen geliebten Olympiapark. Das hat kein Spaß gemacht. Allein die Vorstellung, dass jetzt im Marathon Endspurt die Einheiten wieder länger werden müssten, jagt mir ein Schauer über den Rücken.

So kann’s ja nicht weitergehen. Bei längeren Läufen bin ich in der Vergangenheit immer ganz gut gefahren, wenn ich mich damit auf komplett neues Territorium begeben habe.

So beschloss ich am Mittwoch (es war ja Feiertag in Bayern) spontan, mal von München nach Wolfratshausen zu laufen.

Ich habe mir über das Garmin-Portal die gewünschte Route zusammen geklickt und habe sie auf meinen FR 910XT geladen. Da München flächenmäßig recht groß ist, bin ich mit der S-Bahn an den Stadtrand nach Großhesselohe gefahren. Dort befindet sich auch die gleichnamige Eisenbahnbrücke über die Isar, die bei Selbstmördern und Bungee-Jumpern recht beliebt ist. An der Isar entlang wollte ich bis Wolfratshausen laufen, um von dort dann wieder mit der S-Bahn zurück nach München zu fahren.

So, der Plan.

Blick von der Großhesseloher Brücke in Richtung München

Zunächst verlief auch alles planmäßig. In Großhesselohe ausgestiegen und dem Wegweisern zur Brücke gefolgt. Meine Route verlief am östlichen Ufer Flussaufwärts. Den Abschnitt bis zur Grünwalder Brücke bin ich schon öfters spazieren gegangen, es geht auf welligem Pfad durch den Wald. Etwas nervig sind die vielen Radler, die hier unterwegs sind, so bin ich meist auf einem kleinen Trampelpfad an der Seite gelaufen. An der Grünwalder Brücke zweigt dann der offizielle Radweg nach Grünwald ab, um dann in einem großen Bogen zurück zur Isar zu führen. Hier wählte ich die direkte Variante an der Isar entlang. Der Abstieg vom Brückensockel hinunter zur Isar ist jedoch geröllig und steil, da muss man etwas aufpassen. Nun erwartet einen aber ein super Trail am Ufer der Isar entlang. Keine Fußgänger, keine Mountainbiker, nur Schlauchboote auf der Isar, ein Traum. Mitunter musste man über umgestürzte Bäume hopsen bzw. unter Ihnen hindurch schlüpfen und im Slalom durch  dürre Tannenwäldchen kurven. Das hat wirklich Spaß gemacht, war aber auch gehörig anstrengend, da kein richtiger Laufrhythmus aufkommen will und man ständig auf den Untergrund achten muss.

Nach ca. 9 Kilometer bin ich dann wieder auf einen breiteren Schotterweg gekommen. Wobei der hier verwendete Schotter die Körnung von bundesdeutschem Bahndammschotter hat. Ich spürte jeden Stein durch meine Schuhe, zumal ging es hier gehörig nach oben. Erst später stellte ich fest, dass ich mich von meiner geplanten Route entlang der Isar etwas entfernt hatte. Aber es war zu vermuten, dass ich bei der Floßrutschn im Mühltal wieder auf meine ursprünglich geplante Route treffen würde. An der Flossrutschn legte ich einen kurzen Fotostopp ein.  Leider waren keine Flöße mehr am Start,  die mit „Heißa und Jeronimo“ die Rutsche runter sausen.

So sieht’s dann mit Floß aus

Die Isar wird an mehreren Stellen zwecks der Stromerzeugung aufgestaut, die Flöße die heutzutage nur noch als Touristenattraktion eingesetzt werden, können über Rutschen die Staustufen passieren. Die Rutsche im Mühltal ist dabei die Größte mit 354m Länge und einem Höhenunterschied von 18m. Die Flöße bekommen bei der Durchfahrt eine Geschwindigkeit von bis zu 45km. Es gibt zwischen Wolfratshaussen und München noch zwei weitere Floßrutschen, die sind aber bei weitem nicht mehr so spektakulär.

Von der Mühle ging es auf geteerter Straße  weiter am Isarkanal entlang Richtung Süden zur Aumühle. Der Kanal scheint hier überhaupt nicht enden zu wollen, hinzu kommt, dass man hier in der prallen Sonne läuft.  Langsam merke ich die Strapazen der zurückliegenden  Strecke, ich werde müde. Was aber viel schlimmer ist, dass meine Fußsohlen schmerzen. Das hatte ich ja noch nie.  Ich denke das Trail gehopse hat die Sohlen mehr beansprucht als sonst. Oder brauche ich neue Schuhe? Vielleicht hätte ich heute doch lieber zu den Trail-Schuhen greifen sollen. Ist ja nicht so, dass man nur ein paar Laufschuhe sein eigen nennt.

Die Sonne steht grell am Himmel, die Füße schmerzen, eine gute Gelegenheit ein paar Running-Willis einzulegen, also Gehpausen. Sollen ja, wenn man es richtig macht, schneller machen. Wir werden sehen…

Mich hingegen frustrieren Gehpausen, da merke ich, dass noch viel zu tun ist, bis ich am 30. September durch das Brandenburger Tor laufe.  An der Aumühle angekommen,  bin ich so frustriert, dass ich bei  einem alkoholfreies Weißbier im Biergarten über Sinn und Unsinn des Laufens nachdenke.

Ob sich die Bedienung vertan hat und mir stattdessen ein normales oder ein leichtes Weissbier serviert hat weiß ich nicht (geschmeckt hat es nicht so), jedenfalls war ich nach dem „alkoholfreien“ Weißbier total benommen. Soweit ist es schon gekommen, dass ich von einem alkoholfreien Bier betrunken werde. Eine Schande ist das, das sind die Schattenseiten des Sports, aber das spricht wieder keiner von…

Von der Aumühle führt der Weg  weiter schnurgerade am Isarkanal entlang bis zum nächsten Stauwehr. Geradeaus laufen ist ätzend! Die Stimmung sinkt, die letzten Reste der Motivation wurden vom Weißbier fortgespült. Am Ickinger Stauwehr, lässt ein Wegweiser zur S-Bahnsation , mein Plan bis Wolfratshausen zu laufen in sich zusammen fallen.

Bei 1200 Metern bis zur S-Bahn in Icking bedarf es vieler Argumente um sich die verbleibenden 5 km bis Wolfratshausen schön zu reden.

Die Höhenmeter die mich allerdings auf dem letzten Kilometer erwarteten hätten ein echtes Argument für Wolfratshausen sein können, aber für ist es jetzt zu spät, ein andermal dann vielleicht.

22km und 426 HM sind bei 28°C ist dann auch genug.

Vielleicht sollte ich mir im Sommer nach Alternativen suchen

4:30 Uhr: „Ti Amo“ dröhnt es ein letztes Mal durch die Nacht. Die Nachbarn feiern die Hochzeit Ihrer Tochter. Zu Ehren des italienischen Bräutigams, bzw. der Sizilianischen Familie wird das komplette italienische Musikprogramm, das man in den MP3 Archiven finden konnte rauf und runter gespielt. Damit sich die Nachbarschaft nicht beschwert, wurde diese einfach komplette mit eingeladen. Das scheint zu funktionieren. Es ist ein ungeschriebenes Gesetzt in unserer Straße. Wenn Du was zu feiern hast, lade die anderen mit ein, dann gibt’s keinen Ärger. Da kann man dann auch mal ein Feuerwerk um 2:00 Uhr nachts abbrennen, ohne dass die Polizei mit feiern will.

Ich habe das lustige Treiben um 1:30 Uhr, etwas angeschickert verlassen, schließlich muss ich ja früh raus, wenn ich zum Starnberger See schwimmen will.

6:00 Uhr: Der Wecker gibt ein kurzes Pi.. gefolgt von einem leisen Quietschen von sich, dann ist Ruhe.

6:50 Uhr: Die U-Bahn schließt die Türen und fährt ohne -timekiller- Richtung Hauptbahnhof. Der liegt im Bett und schläft…

6:51 Uhr: Ich schrecke hoch, der erste Blick gilt dem Wecker, doch der verweigert die Auskunft. Meine Armbanduhr ist auskunftsfreudiger.

-Kurz vor sieben! Scheiße, Verschlafen!-

In meinem Hirn formt sich ein Gedanke, „Jetzt bloß kein Stress, leg dich wieder Hin und schlafe weiter“, doch mein Körper hat offenbar andere Instruktionen erhalten. Wie ich mich versehe stehe ich auch schon in der Küche und löffle gut gehäufte Kaffeelöffel in die Filtertüte. Wer die acht  Tassen Kaffee trinken soll ist mir allerdings schleierhaft.

Gut, ich bin wach, ich habe Kaffee. Wie komme ich jetzt nach Possenhofen? Das Auto hat die Gattin nach Oldenburg entführt.

7:05 Uhr: Ich entferne die Abdeckplane von meinem Moped. Ein guter Zeitpunkt in die Motorrad Saison zu starten. Ob es gut war, dass ich letzten November die Batterie für den Winter nicht ausgebaut habe, wird sich jetzt gleich zeigen. Ich stecke den Zündschlüssel ein, das Lämpchen für den Leerlauf leuchte auf. Das ist mal ein Anfang.  Ich drehe den Benzinhahn auf, und wage einen ersten Versuch.

–RarRarRarRarRarRarRar-

–RarRarRarRarRarRarRar-

–RarRarRarRarRarRarRar-

Hm?

Ach, ich bin etwas aus der Übung, ich hab ja noch den Choke!

-RarRarRarRöööööööööööööööhrRööööööhr-

Geil, die Kiste läuft, hat TÜV, und ist angemeldet, Starnberg ich komme.

7:20 Uhr: Ich packe meine vorbereitete Tasche in meinen Motorradrucksack um, trinke zwei Kaffee, mache mir noch schnell ein Müsli (mit Nektrarine und Banane), und checke die Twitter-Timeline. @JensandMie, @laufblog (bzw. Frank) und @Stella_schwimmt sind  heute also auch am Start, mal sehen ob ich die treffe.

7:30 Uhr: Ich rolle aus der Ausfahrt und lasse dabei mehrmals den Motor aufheulen. Die Nachbarn sollen schließlich wissen, dass ich wach bin und wie angekündigt jetzt duchr den Starnberg See schwimmen werde. Apropos Motor. Irgendwie läuft der unrund, da ist  wohl einer der Zylinder nicht aus der Winterpause gekommen.  Na ja, egal, wofür hat man vier Zylinder. Gut, dass ich mir damals keine Savage gekauft habe,  das hätte jetzt ernsthaftere Konsequenzen. Bis Possenhofen komme ich auch mit 3 Zylindern.

8:00 Uhr: Ich biege auf den Parkplatz am Possenhofener „Paradies“ ein. Dort kommt mir Frank mit seiner  Klappbox entgegen. Er erkennt mich trotz Helm auf Anhieb, erstaunlich!

Peter Maisenbacher kann auch Schwimmen

8:05 Uhr: Wir annektieren eine Bank im Biergarten, und kommen mit Andreas, einem IronMan Veteran ins Gespräch. Peter Maisenbacher, der Laufmoderator in München und Umgebung hat auch schon seinen Dienst aufgenommen. Etwas später gesellt sich Jens zu uns. Jens ist letztes Jahr die Strecke in 1:06 geschwommen. Unglaublich! Verstohlen mustere ich Ihn, ob er nicht irgendwo einen Propeller hat, Nein, kein Propeller, aber die Figur eines Fisches, eines schnellen Fisches.

Jens, ohne Propeller

Wir unterhalten uns alle angeregt, so ist die Nervosität, die sich langsam bei mir breit macht noch nicht richtig zu spüren.

8:15 Uhr: Es wird Zeit in die Neoprenanzüge zu schlüpfen, jetzt wird’s ernst.

8:30 Uhr: Der Check-In der Schwimmer beginnt. Ich registriere meinen Transponder an einer blauen Box, so weiß der Veranstalter, dass er mich suchen muss, wenn ich auf der andere Seite des Sees nicht ankomme. Jens und Frank schwimmen sich bereits ein. Ich checke erstmal das gegenüberliegende Ufer. Wo muss ich überhaupt hin? Gegenüber in der Höhe von Leonie  erhebt sich im leichten Dunst ein größeres Gebäude, ein Hotel. Rechts vom Hotel ist der Steg für den Schwimmausstieg um sich für die Zwischenzeit zu registrieren, erklärt man mir.  Dort muss ich also hin. Das sind 2 Kilometer. Wenn ich zeitig dran bin, und noch kann, schwimme ich auch wieder zurück. Sollte ich erst nach 10:00 Uhr in Leonie ankommen, werde ich aus dem Rennen genommen, weil dann der Schiffsverkehr unsere Schwimmroute kreuzt. Wer zu lahm ist, oder ohnehin nur 2 km schwimmen will, so wie ich ursprünglich geplant hatte, darf dann mit dem Dampfer zurück nach Possenhofen fahren.

2000 Meter können total weit sein

An unserem Platz treffe ich dann auch Stella, eine der wenigen Schwimmer, die ohne Neopren schwimmt. Respekt! Aufgrund der Wassertemperatur müsste man sicherlich keine Gummipelle tragen, aber der zusätzliche Auftrieb durch den Anzug ist schon eine Erleichterung und gibt vor allem Sicherheit.

Ich gehe dann auch mal ins Wasser und ziehe ein paar kurze Bahnen. Von Einschwimmen kann nicht die Rede sein. Ich werde jetzt gleich 4km schwimmen, da werde ich doch nicht mein ganzes Pulver verschießen. Warm werde ich auf der Strecke ganz allein. Ein Freizeitläufer der einen Marathon  mit einer Zielzeit von 5 Stunden laufen möchte, läuft sich ja auch nicht warm.

Wie ich so rum paddle, treffe ich wieder Frank, Jens und Andreas, die sich bereits in den vorderen Reihen des Schwimmstarts positioniert haben. Man unterhält sich, so versäume ich rechtzeitig eine für mich günstige Position zu suchen. Ich schwimme in die hinter…

8:50: Startschuss! Ich befinde mich noch auf den Weg zum hinteren Rand, da überrascht mich der Startschuss. Ich bin nicht am Rand, sonder mitten im Startfeld. OK,  Richtungsänderung dann also los, nach Leonie.

Ich kraule los, die ersten Meter gehen gut, dann staut es sich vor mir. Ich werde langsamer und weiche aus.  Um eine Übersicht zu bekommen schwimme ich ein paar Züge Brust, dann wieder Kraul. Ich schwimme auf die nächste Gruppe auf und suche nach einer Lücke um zu passieren. Ein  Schwimmer hinter mir ist nicht so Rücksichtsvoll und schwimmt einfach über mich drüber.  Kurze Zeit später bekomme ich von einem weiteren Schwimmer die Hand auf den Kopf. Prima, ganz Klasse.

Wie fahrt Ihr eigentlich Auto? Wenn sich ein Stau bildet, fahrt Ihr da auch  ungebremst rein?

Aggressionen kommen auf, ich versuche mich frei zu schwimmen. Werde dabei natürlich viel zu schnell und komme außer Atem. Zudem sind die Wellen im Starnbergesee etwas höher als ich das vom Feldmochinger See gewohnt bin. Das verunsichert,  die Folge ist, dass ich ein paar Züge Brust einlege. Vor mir taucht eine Schwimmerin auf, die alle 3 Züge die Richtung ändert. Da komme ich unmöglich vorbei. Ich verliere die Lust. Ich beschließe auszusteigen, das hat doch alles keinen Sinn. Spaß ist was anderes. Ich lasse mich zurück fallen und drehe mich um. Das Feld hat sich etwas auseinander gezogen, aber ich bin noch immer mitten drin. Ich beschließe nach außen zu schwimmen, um dann an der Seite zurück zum Ufer zu schwimmen.

Auf dem Weg zur Außenbahn macht sich das Gewissen bemerkbar.

„He, du kannst doch jetzt nicht aussteigen?“

-Doch, kann ich. Siehste ja-

„Du hast Dich doch so auf diese Herausforderung gefreut“

-Ja, schon, wären da nicht die anderen Blindfische und die Wellen, das ist doch doof. Ich bin gerade mal 200 Meter geschwommen und kann nicht mehr. Wie soll ich denn da 2km, geschweige denn 4km schaffen? Ich habe keine Lust mehr-

„Jetzt, komm! In Brust schaffst Du das doch locker“

-Meinst Du?-

„Ja, klar! Wer ist letztes Jahr durch die Bucht von Plakias geschwommen? Das waren hin und zurück auch locker 3000 Meter“

-Ja, schon, das war aber auch im Salzwasser-

„Und jetzt hast du einen Neo, also mach! Bedenke, wenn Du jetzt aussteigst bist Du wieder eine Woche lang stinkig. Es ist niemand da, an dem Du Deine Laune auslassen kannst, das bringt‘s nicht.“

-OK, aber nur Brust. Wenn ich untergehe bist Du schuld-

„Ja, Ja“

So korrigiere ich wieder meinen Kurs, und beginne im Stil eines Haubentauchers das gegenüberliegende Ufer anzupeilen.

Nach ein paar hundert Metern kehrt Ruhe ein. Die rhythmisch monotonen Bewegungen beruhigen.

„Na, geht’s wieder? Wenn Du willst, kannst du es ja nochmal mit Kraul versuchen.“

-OK, dann also Kraul-

Das Problem beim Kraul ist, dass man sein Ziel nicht sieht.  So blicke ich ca. alle 10 Züge auf, um mich zu orientieren. Das Hotel scheint nicht näher zu kommen. Treibe ich ab?

Langsam macht sich die rechte Wade bemerkbar. Was soll das denn jetzt? Kündigt sich da ein Wadenkrampf an? Wäre ungünstig, jetzt, mitten auf dem See. Sicherheitshalber blicke ich mich mal nach den Begleitbooten um.  Ich reduziere den Beinschlag und ziehe die Beine hinter mir her, bis das Gefühl in der Wade wieder verschwindet. In der Zwischenzeit ist auch das Ufer näher gekommen. Man kann die Schwimmer erkennen, die nach der Zwischenzeitnahme  wieder vom Steg ins Wasser hüpfen und uns nun entgegen schwimmen.  Es herrscht Rechtsverkehr, so halten sich die Schwimmer auf dem Rückweg etwas nördlicher. Allerdings nicht alle. Ein Schwimmer ist versehentlich etwas zu weit südlich geraten, oder bin ich zu nördlich? Jedenfalls kommt mir plötzlich ein Schwimmer entgegen. Beim Aufblicken erschrecke ich dermaßen, dass sich schlagartig beide Waden verkrampfen.

-Arghh-

Mit einem seitlichen Armschlag kann ich dem entgegenkommenden noch ausweichen. Aber die Waden sind bretthart. Ich drehe mich auf den Rücken und versuche die Beine zu lockern.

Wie Treibholz liege ich im Wasser. Das gibt’s doch nicht. Beim Bahnenschwimmen habe ich früher schon öfters einen Wadenkrampf bekommen, allerdings immer nur dann, wenn ich mich bei der Wende kräftig vom Beckenrand abgestoßen habe. Ich habe daraufhin etwas mit Magnesium experimentiert,  davon Durchfall bekommen, es dann wieder sein lassen und mich dann fortan einfach weniger stark vom Beckenrand abgestoßen. Seitdem hatte ich eigentlich Ruhe. Bis heute.

-Geil, wenn der Schmerz nachlässt-

Der Krampf lockert sich langsam, ich drehe mich  wieder in  Bauchlage  und Kraule vorsichtig weiter. Die Beine ziehe ich hinter mir her.  Noch gut 300 Meter zum Steg. Das packe ich. Zuversicht macht sich breit.  Irgendwann kann ich dann auch  wieder mit den Beinen paddeln.

Kurz vor dem Steg, strample ich wieder etwas mehr mit den Beinen, dass mir auf der Treppe zum Steg nicht die Beine wegknicken (ist ein Tipp von Claudi). Gut komme ich die Treppe hoch, und registriere mich zur Zwischenzeit. Ein kurzer Blick auf die Uhr. 40:49! ??? Hatte ich die Uhr zwischendurch abgedrückt? Ne, eigentlich nicht. Bei dem bisherigen Verlauf des Schwimmens ist das gar nicht soooo schlecht für mich.

So, und nun? Aufhören und mit dem Dampfer zurück? Der letzte Abschnitt ist, abgesehen vom Wadenkrampf, eigentlich ganz gut gelaufen. Wie geht’s der Wade? Ist locker und schmerzt nicht, jedenfalls spüre ich gerade nix. Ich schnappe mir einen Becher Iso und hüpfe ich wieder ins Wasser.  Ich halte mich nördlich, um nicht auch in den Gegenverkehr zu

Das Ziel ist von Leonie aus gesehen etwas kleiner

kommen. Aber wo muss ich überhaupt hin? Das Ziel, ein aufgeblasener roter Zielbogen ist kaum zu sehen.  Hier am Ostufer sind auch die Wellen höher. Ich versuche mich davon jetzt aber nicht beirren zu lassen und suche schnell wieder meinen Rhythmus. Immer wieder muss ich meinen Kurs nach Süden korrigieren.  Aber ich bin im Fluss. Ich ziehe gleichmäßig dahin. Jetzt kommt der schöne Teil des Schwimmens, die Gedanken entkoppeln sich vom Körper. Der Körper macht sein Ding, die Gedanken werden frei. Die monotone Bewegung und das rhythmische Atmen haben etwas Meditatives. Die Gedanken schweifen ab.  Ich stelle fest, der Starnberger Sees ist weniger Grün, als die anderen Seen, die ich in meiner Vorbereitung durchkrault habe. Etwas Musik wäre jetzt schön. „Ein Tag am Meer“ von Fanta4 würde jetzt gut passen. Wie heißt eigentlich der vierte der Fantastischen Vier. Da gibt es Smudo, Hausmeister Thomas D. und Michi Beck. Wie heißt der vierte? Hä, haben die sich etwa verzählt, kann ja nicht sein. Notiz an mich: Später mal googeln.

Läuft jetzt eigentlich ganz gut das Schwimmen. Könntest ja heute Nachmittag auch noch zum Straßenlauf nach Dachau. So wie Jens.

Vor Schreck zieht sich meine rechte Wade zusammen. Diesmal fackelt die Wade nicht nicht lange, sonder macht komplett zu. Ein stechender Schmerz ist zu spüren.

Kurz kommt Panik auf. Wie hieß es bei der Wettkampfbesprechung zum Chiemsee Triathlon, wenn man in Not gerät, soll man mit der Badekappe winken. Soll ich jetzt winken? Ne, das wäre ja zu peinlich, wenn ich hier ein Fall fürs DLRG werde.

„Wenn Dir das peinlich ist, dann kann die Not ja nicht so groß sein“ schaltet sich  mein Gewissen ein. „Stelle Dich nicht so an, drehe Dich wieder auf den Rücken und spiele Treibholz“

-Ein Beißholz wäre jetzt nicht schlecht-

„Schnautze, ich muss der Wade gut zureden“

-Hallo, was ist das denn für ein Ton! Du bist Schuld, Du hast gesagt ich soll weiter schwimmen.-

„Ja, nach Leonie solltest Du schwimmen. Vom zurück schwimmen habe ich nichts gesagt.“

-Ich winke jetzt!!!-

„Du winkst nicht, sonst brauchst Du dich bei Münchner Sportveranstaltungen überhaupt nicht mehr sehen zu lassen! Willst Du etwa morgen in der Zeitung stehen.“

>Beim 4. Starnberger See Schwimmen, kam es zu einem Zwischenfall, ein Teilnehmer der zur Selbstüberschätzung neigt, musste erschöpft gerettet werden<

~And. Ypsilon~, meldet sich die Wade

-Hä, was?-

~And. Ypsilon, so heißt der vierte Fanta. Mit Bürgerlichen Namen eigentlich Andreas Rieke, er produziert auch die…~

-Ach, die Wade versteht was von Musik, schau an. Schau zu,  dass Du wieder geschmeidig wirst. Wir sind hier mitten auf dem See und nicht in einer Quiz-Show.-

~Ich wollt ja nur behilflich sein~

„Hallo Jungs, können wir dann wieder?“ mahnt das Gewissen.

Langsam nehme ich wieder Fahrt auf. Noch gut 500 Meter, dann ist der Drops gelutscht. Machen die Arme heute halt mal ein bisschen mehr, hängen ja sonst auch nur rum, die Beine brauche ich noch für den Marathon in Berlin. Mit kräftigen Armschlägen geht’s dem Zielbogen entgegen, die Füße korrigieren nur noch leicht die Lage, insofern man bei mir von Lage sprechen kann.

Nach 1:25:05 geben mich die Fluten des Starnberger Sees wieder frei. Frank ist mit einer super 1:13:03 natürlich längst im Ziel. Jens ist sogar schon umgezogen. Er hat diesmal, noch unglaublichere 1:03:22 gebraucht, und dann geht er auch noch heute Nachmittag mit einer Zielzeit von 36 Minuten beim Dachauer Straßenlauf an den Start.

~dafür kennen sich seine Waden nicht mit deutschem Sprechgesang aus~, äfft die Wade

-Ja, aber dafür sind die viel lockerer drauf, nicht so verkrampft –

Winkt da etwa einer?

 

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