Archive for November 2012

Ich brauche dringend jemand, der auf mich aufpasst. Jemand der weiß was gut für mich ist, und mir gegeben falls mal etwas verbietet, bzw. den Umgang mit gewissen Personen einfach  untersagt. Früher hat das gerne mal meine Mutter übernommen, auch wenn es damals wenig gefruchtet hat. Irgendwie habe ich einen Hang zu Personen die nicht gut für mich sind. Chief-Balla, ist so einer. Vor dem sollte man sich fernhalten. Erst im Juni nahm ich dank Ihm, und ohne es eigentlich zu wollen, an einem 24h Lauf teil. Ich hatte angenommen, verrückter kann’s nicht mehr werden.

–Weit gefehlt–

Vor zwei Monaten unterbreitete mir Chief seine neuste Idee. Ein „Zeittunnel Marathon“ also ein Marathon während der Zeitumstellung.

Eine witzige Idee, das muss ich zugeben. Eine Idee, die mich nicht wieder loslassen sollte, auch wenn ich mich innerlich gewehrt habe, denn im Grunde  habe ich  für solche Albernheiten ja überhaupt keine Zeit. Aber irgendwie…

Ich kann einfach nicht aus meiner Haut, ich bin so schwach…

Nach einigen Telefonaten und Mails, war klar, wir ziehen das jetzt einfach mal durch. Keine Ahnung, ob außer uns sonst noch jemand läuft, wir machen das jetzt einfach mal.

Ich für meinen Teil, hätte das ja ne Nummer kleiner aufgezogen, aber Chief war überhaupt nicht zu bremsen…  Ganz nach dem Motto „wenn schon, denn schon“ hat er eine offizielle Webpage aufgesetzt, organisierte eine Chipzeitnahme, hat die Strecke nach DLV Richtlinien vermessen und einen Laser für die  Medaillen Gravur im Handgepäck aus den USA eingeschmuggelt…  Kurz, er hat sich so richtig ins Zeug gelegt.

Kann man bei so einem Engagement kneifen?

Ne, aus der Kiste kommt man nicht  mehr raus, unmöglich.

OK, das wird ein Spaß, Jahaa, das MUSS  Spaß machen. Eine andere Option gibt es da ja überhaupt nicht.

Und genau so bin ich an die Sache rangegangen. Aber aus Spaß wurde ernst…

So rückte der Samstag näher und die Wettervorhersagen überschlugen sich mit Superlativen. Tiefsttemperaturen, Wintereinbruch, Schnee…

Winterliche Bedingungen

Und genau so kam es. Ab Samstag Nachmittag ging der Regen in Schnee über, und als ich um 22 Uhr in den Ostpark fuhr zum Aufbauen des Technik und Verpflegungszeltes, lag schon auf den Wiesen eine geschlossene Schneedecke. Jetzt geht ja Schnee meist mit Temperaturen um die Null Grad einher. Im Winter ist das nix ungewöhnliches, aber Ende Oktober sehr wohl.  Da ist der Körper noch gar nicht richtig drauf eingestellt. Noch vor Zwei Wochen erschreckte ich mit meinem frenetischen Jubel die Läufer des München Marathons bei  fast sommerlichen Temperaturen. Und jetzt, Schnee.. Wenn man einmal die Klimaerwärmung bräuchte,  ist keine da.

Da muss man dann wohl die Winterlaufklamotten von der Bühne holen.

Bis zum Start um 0:00 Uhr war ich dann auch schon ordentlich durchgefroren, und wagte es nicht meinen Laufanorak, den ich normaler weise erst ab -10 Grad trage abzusteifen.

Sieben wackere Streiter hatten sich eingefunden, um die Magie des Zeittunnels zu erleben.

Da wären:

  • Chief Balla, Cheforganisator und Vater dieser bekloppten Idee
  • Doc Balla, läuft sonst nur bei Wettbewerben, wo man zumindest mal Schwimmen muss.
  • Klausi, der bei verrückten Sachen einfach dabei sein muss. Es gilt die Regel. Je verrückter desto Klausi.
  • Hans, ein leidenschaftlicher Läufer, der bei einem Lauf vor der Haustüre einfach dabei sein muss, egal zu welcher Tageszeit.
  • Jürgen, ist extra aus Stuttgart angereist um seinen ersten Marathon zu laufen.
  • Henrik, der rennende Zwilling, ist erst  im September  den Berlin Marathon in 3:24 gelaufen. Der braucht eigentlich gar keinen Zeittunnel, ist aber für einen Spaß immer zu haben.
  • Und dann eben ich.

Angesichts des kurzen Vorlaufs, der ungewöhnlichen Uhrzeit und dem Wetter finde ich 7 Starter für unsere Premiere sehr bemerkenswert. Noch viel erstaunlicher finde ich, dass sich sogar ein paar Zuschauer eingefunden haben, nicht viele aber immerhin.  In Summe komme ich auf 6 Zuschauer, und da ist unser Thekenpersonal noch gar nicht mitgerechnet.

Genau, unser Thekenpersonal wollen wir hier nicht unter den Tisch bzw. die Theke fallen lassen:

  • Boris, der Mann an der Technik, der mal eben die Ergebnisse Live ins Internet stellt, und nebenher Iso für uns anrührt.
  • Lizzy, die sich dankenswerterweise überreden ließ,  Boris etwas Gesellschaft zu leisten, und uns nebenher mit frischem Obst verköstigt.

Als ob die Angelegenheit nicht schon verrückt genug wäre, haben sich drei der Protagonisten auch noch festlich kostümiert. Die Ballas liefen im obligatorischen Jailhouse-Look, und Klausi überraschte  mit einem illuminierten Nikolauskostüm, damit konnte Klausi die Wertung für das beste Kostüm ganz klar für sich entscheiden.

0:00 Uhr, -Start-,

Hans und Henrik übernehmen gleich die Spitze, und ziehen in einem Mördertempo davon. Ich hoffe, Hans zeigt Henrik auf der ersten Runde noch die Strecke.  Im Grunde geht es nur  auf beleuchteten Wegen  gegen den Uhrzeigersinn um den See im Ostpark herum.  Aber es gibt eine Stelle,  an der man eine Abzweigung  leicht verfehlen kann, und man dann einfach gerade aus weiterläuft. Das konnte  ich gleich auf meiner ersten Runde unter Beweis stellen. Dankenswerterweise wurde ich noch von Chief-Balla  zurück gepfiffen, sonst wäre ich schon auf der ersten Runde im Ostpark verschollen.

Die ersten Runden laufen ganz OK. Das Feld, sofern man bei sieben Startern von einem Feld sprechen kann, ist schon nach der ersten  Runde weit auseinander gefallen.

Irgendwie habe ich es versäumt mich einer Gruppe anzuschließen, Henrik und Hans sind mir zu schnell, die anderen lassen es sehr gemütlich angehen, so dümple ich im Mittelfeld mit einer 6:00er Pace rum.

Es schneit noch immer. Der Schnee bleibt jetzt auch auf den Wegen liegen.  Es gilt eine 2,11 km Runde 20 mal zu bewältigen. 20 hört sich nicht viel an, besser an als 42km. Aber der Schein trügt. Nach einer Stunde und 5 Runden merke ich deutlich, wie ich müde werde. Ein Kindergeburtstag am Nachmittag ist nicht unbedingt die perfekte Vorbereitung für einen Nachtmarathon. Es werden erste ausgedehnte Boxenstopps am Verpflegungszelt eingelegt. Irgendjemand muss sich ja um das reichhaltige Angebot kümmern. Es gibt Obst, Nüsse, Rosinen, Schokolade, Brownies, Cola, Fanta, Tee, Wasser, Iso..

Hier am Verpflegungszelt hat man auch die Chance mal einen Blick auf die Mitstreiter zu werfen. Hier wird  eine kurze Pendelstrecke gelaufen, damit wir auf die gewünschte Distanz kommen. Hier kommt einem wenigstens mal einer entgegen, sonst gibt es wenig Abwechslung auf der Strecke.

Nur Du, die Nacht, der Schnee, die Kälte, die nassen Füße und der MP3 Player dudelt vor sich hin. Jetzt hätte man mal so richtig Zeit sich Gedanken über Gott und die Welt zu machen.

Große Themen könnten erörtert werden

  • Finanzkrise,
  • Gesundheitsreform
  • Nahost Konflikt
  • Energiewende
  • Was mache ich hier eigentlich

Ich kann meine Gedanken nicht richtig  sammeln.  Ich bin eher mit mir beschäftigt. Ich und der Kampf gegen die Elemente.  Eigentlich sollte das ja ein Spaßlauf werden. Höhö. So ein Spaß.

Ich bezweifle ja mittlerweile, dass es Spaßläufe überhaupt gibt. Jedenfalls keine Spaßläufe die über 30km gehen. Alles andere ist ein Mythos der von Ultraläufern erfunden wurde um  unschuldige Seelen zum Mitlaufen zu überreden. Ich bin fest der Überzeugung, der Spaß hört jenseits der 30km auf. Nachts und bei Kälte  eben auch etwas früher. Einen Marathon läuft man nicht zum Spaß, das tut weh, und zwar IMMER!

Ich beginne die Runden zu zählen. Zumindest bis zum Halbmarathon möchte ich durchhalten, d.h. 10 Runden sollten schon drin sein, ich bin ja kein Amateur.  Meine Pausen beim PitStop werden aber immer länger.  Ich nehme  pro Runde eine Hand Nüsse und  trinke ausgiebig aus meiner Trinkflasche.  Mein Powermix  wird aber von Runde zu Runde  immer kälter, auch in den Bechern bilden sich langsam Eiskristalle.

Es ist wirklich eklig zu laufen. Meine Twitter TL nervt schon seit Wochen mit  #Rodgau50. Die sollen mal #Ostpark20 laufen, das ist was für wirklich harte Jungs ,-)…

So langsam rächt sich meine Kleiderwahl. Auch wenn ich nur mit einer 6er Pace durch den Ostpark  zuppele. Ich schwitze… Eine hermetische Abriegelung der Körperdämpfe ist  da eher unpraktisch ,so beginne ich  richtig  an zu saften. Das ist  der Anfang  vom Ende. Zumindest bei den Temperaturen. Ich mache die Jacke auf, und beginne schlagartig an zu frieren.  Also Jacke wieder zu, und nach kürzester Zeit steigen Dampfwolken  vom Kragenrand auf. Aldi Funktionsklamotten sind den Anforderungen des Extremsports einfach nicht gewachsen.

Ich beschließe noch ein paar Runden zu laufen und mich dann  trocken zu legen. Vorausschauend habe ich ja Wechselklamotten mitgenommen, Eigentlich für danach, aber da muss man flexibel sein. Nach 12 Runden ist es soweit, das kalte Iso schlägt mir auf den Magen, ich bekomme Magenkrämpfe, ich brauche eine neue Gardarobe, und vorallem trockene Schuhe und was warmes zu trinken.

Ich steure das Verpflegungzelt an, setze mich (Fehler) und ziehe trockene Sachen an. Wie ich nun da so sitze überkommt mich eine schlagartige Lähmung. Mein Kopf sagt: Los aufstehen, weiterlaufen, nur noch 8 Runden!  Aber mein Körper ignoriert  das komplett und bleibt einfach sitzen.

–Generalstreik-

Ich gebe zu, ich diskutiere nicht lange und gebe mich  geschlagen. Ich habe fertig.

Was ich, und der Rest von meinem meuternden Körper, nicht bedacht hat; es wird nicht wärmer wenn man sich nicht mehr bewegt, auch nicht in trockenen Klamotten.

Relativ schnell findet mich die Kälte wieder, der ich im trockenen Zwirn entfliehen wollte.

An Plan „B“ hatte ich gar nicht gedacht! Was ist, wenn ich nicht bis zum Ende durchlaufe? So richtig warme Sachen habe ich gar nicht dabei. Ich wollte schon bis zum Schluss da bleiben, schließlich kann Chief Balla und Kollege das nicht alles alleine abbauen, und Biergartengarnitur und Pavillon Zelt passen ja auch gar nicht mehr ins Auto vom Chief, das ist mit der ganzen Technik voll, außerdem muss der 7er  erst noch gebaut werden, in den eine Biergarnitur passt, wäre  in Bayern ja eigentlich eine  Grundanforderung.

So übernimmt langsam die Kälte wieder Besitz von meinen Körper.

-Es ist saukalt-

Ich  verabschiede mich ins Auto, wo ich wenigstens Windgeschützt bin.  Aber es ist trotzdem kalt. Ich decke mich mit allem zu was ich im Auto finde, die Fußmatten wärmen aber nicht wirklich.  Schüttelfrost durchzieht mich.

Ich muss den Motor anmachen, um mich aufzuwärmen. Aber im Standgas ist  sicherlich nicht viel zu erwarten.  Eine heiße Dusche wäre jetzt nicht schlecht. Da mein Auto auf der herfahrt schon recht voll war, beschließe ich einfach mal einen Teil der Ausrüstung die nicht zum Einsatz gekommen ist schon mal  zurück zu fahren, vielleicht bleibt ja dann auch noch Zeit für eine heiße Dusche.

Im dichten Schneegestöber fahre ich quer durch München. Bei diesen Straßenverhältnissen brauche ich natürlich doppelt so lange für die Strecke. So habe ich aber Zeit mich aufzuwärmen. Die Heizung und das Scheibenfreigebläse laufen volle Pulle. Kondenswasser läuft die Scheiben runter. Ich friere noch immer. Wenn ich mir da mal keine Pneumonitis eingefangen habe.

Für Duschen bleibt natürlich keine Zeit, ich will ja niemanden warten lassen. So lade ich den Krempel aus und mache mich gleich wieder auf den Rückweg.  Wenn ich richtig rechne, könnte ich es noch zum Zieleinlauf von Jürgen und Chief schaffen. Henrik ist sicherlich schon lange im warmen Bettchen.

Wie ich wieder im Ostpark angelangt bin, ist Henrik auch noch da, er ist eben ein wirklicher Sportsmann, klasse! Die Abschlussparty ist schon in vollem Gange. Wobei, nicht so wirklich! Die Stimmung ist etwas frostig, was aber nur an den Temperaturen liegt. Die zwei Kästen alkoholfreies Weißbier, die Hans gestiftet hat, finden keine Abnehmer. Die warme Tassensuppe, die Boris mit Hilfe des Gaskochers zubereitet, sind da schon gefragter.

Chief verteilt gerade die Finisher Medaillen. Von sieben Startern gibt es drei Finisher.

  1. Henrik, Zielzeit: 2:58 Uhr
  2. Chief Balla, Zielzeit: 3:42 Uhr
  3. Jürgen, Zielzeit: 3:43 Uhr

Der Rest ist ausgestiegen und erhält dafür eine DNF Medaille. Wo gibt’s denn sowas?

  • Hans, verletzungsbedingt nach 7 Runden
  • Doc Balla, verletzungsbedingt nach 10 Runden
  • Klausi, aus technischen Gründen (drohender Kurzschluss in der Elektik) nach 10 Runden
  • Und ich Memme nach 12 Runden, wegen Lustlosigkeit und Blitzlähmung.

Alle Beteiligten sind sichtlich geschafft. Alle haben heute Nacht zwar eine Stunde geschenkt bekommen,  die meisten sind aber in den letzten 5 Stunden sichtlich gealtert. Sind es die Strapazen der Nacht, die die Gesichter gezeichnet haben, oder ist die Rechnung mit dem Zeittunnel nach hinten los gegangen? Kommt das dabei raus, wenn man mit dem Raum-Zeit-Kontinuum spielt? Ist es zu einem Störfall gekommen, und wir haben die Raumzeit verbogen?

Keineswegs, in den Augen aller ist ein Funkeln zu erkennen. Jeder weiß, er war hier und heute bei etwas großem, etwas ganz und gar sinnfreiem mit dabei. Eines ist sicher, diese Geschichte wird sich der ein oder andere Enkel noch oft anhören müssen.

Selbst wenn es irgendwann eine Wiederholung des Bestzeitmarathons geben wird, 10 cm Schnee Ende Oktober können wir unmöglich nochmal organisieren.

Auf die DNF Medaille bin ich echt stolz

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