-Autsch!-, heute nehme ich die Rolltreppe, und das mache ich sonst nie. Ich habe Muskelkater. Meine Waden sind hart wie Beton. Gestern war schon schlimm, aber heute früh bin ich kaum die Treppen vom Schlafzimmer in die Küche runter gekommen. Aber von vorn…
Sonntag, 6:30 Uhr: Etwas piekst mich ins Gesicht. Ich öffne ein Auge und direkt vor mir ist das Gesicht meiner Tochter. Sie flüstert wie Kinder eben flüstern: „PAPA, DU MUSST MIR HELFEN!“ –was ist los, ist was passiert?- „ES IST MUTTERTAG, DER KAFFEE IST GLEICH FERTIG, DU MUSST MIR HELFEN…“
Oh je, die Muttertags-Taskforce sucht verbündete, und das mitten in der Nacht. Letzte Woche hat die Tochter schon mal geübt und probeweise Frühstück ans elterliche Bett gebracht. Im Eifer des Gefechts hat sie beim Runterbeugen das Tablett gleich komplett ins Bett, auf den noch schlafenden Papa geworfen. Aus der Pleite hat sie offenbar gelernt und sucht nun kompetente Hilfe, die Wahl ist dabei ausgerechnet auf mich gefallen.
Ich muss Zeit gewinnen. „WO IST DEIN GESCHENK“ flüstert Sie, –Ich habe kein Geschenk, ist doch Deine Mama, ich bin raus aus der Nummer… Könntest Du mir nicht eins von Deinen Geschenken abgeben? lenke ich ein. „OK, ICH BASTLE DIR NOCH EINE KARTE“ Die Tochter zieht von dannen und ich drehe mich nochmal um. Ich versuche das Gerumpel in der Küche zu ignorieren. Kurze Zeit später piekst mich wieder etwas. Mit einer Karte werde ich wach gefächelt. Viele Herzen sind drauf. „DU MUSST UNTERSCHREIBEN…“ –OK, ich gebe mich geschlagen, die Nachtruhe ist vorbei. Ich folge der Tochter in die Küche. Dort wartet ein perfekt vorbereitetes Frühstückstablett mit Honigbrot, Müsli, Blümchen, frischem Kaffee… -Respekt- Nicht übel-, und den Kaffee kann man sogar trinken. Wir begeben uns wieder ins Schlafzimmer und wecken die Mama, sie soll schließlich auch was von Ihrem Ehrentag haben.
Familie -timekiller- frühstückt also im Bett. Während des Frühstücks wird der Tag geplant. „Wir könnten doch heute schön in die Berge fahren“, schlägt meine Frau vor. Nö, geht nicht, ich laufe doch heute beim Halbmarathon im Olympiapark mit, entgegne ich.
>Augenrollen, der Gattin< „Da hast du aber gar nix gesagt“. „Ja wann denn?“, ich war die letzten 3 Tage auf Geschäftsreise in Leipzig und Samstags erst spät heim gekommen. „Steht aber im Kalender“ versuche ich zu punkten. „Dann fahren wir eben danach, beeil Dich halt ein bisschen und trödel nach dem Lauf nicht so rum, dann schaffen wir das schon.“
Eigentlich habe ich ja gar keine Lust zum Laufen und ich fühle ich ziemlich schlapp. Der Aufenthalt in Leipzig war jetzt nicht gerade der Gesundheit förderlich. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück.
Um kurz vor 9:00 Uhr schnappe ich mein Fahrrad und fahre in den Olympiapark. Ich hole meine Startunterlagen ab, und drehe noch eine kleine Aufwärmrunde von ca. 3 km. Ich versuche in mich hineinzuhören, ob heute was geht, aber ich höre nix. Der Körper schmollt und schweigt. –soll ich wieder heimgehen?-
Zumindest 10 km kann ich ja mal mitlaufen, das geht immer. Also stelle ich mich in den Startblock und starte um 10:05 mit ca. 2000 Läufern. Ich denke mir nicht viel und laufe einfach mal mein gewohntes Tempo. Die erste 5km Runde in 24:45 läuft ganz OK, vielleicht ein bisschen schnell, wenn ich wirklich 21 km durchhalten will, also versuche ich mich etwas einzubremsen. Bei km 10, steht 50:20 auf der Uhr. Eigentlich habe ich keine Lust mehr; jetzt nochmal 2 Runden, -PUH!- Die Sonne brennt mittlerweile erbarmungslos. Ich nehme mal an der Verpflegungsstelle einen Becher Wasser mit. –dünne-klarsicht-Plastik-Becher- Ich drücke den Becher zusammen, sodaß ich eine Art Schnabel habe, damit ich beim Laufen besser trinken kann. –Knacks- Der Becher reißt auf, und das kostbare Nass rinnt dahin. Wenigstens wird mein Trikot etwas nass, aber Durst habe ich noch immer. –ist die dritte Runde länger als die anderen?- Es zieht sich. Ich hab kein Bock mehr. Am Streckenrand picknicken Familien im Gras und feuern auf Plakaten, Sonja, Tina, Andi, Tino, Papa und Mama an. Wo sind eigentlich meine Fans? Die sitzen zuhause und planen womöglich die Besteigung der Zugspitze. Soll ich aufhören? Einfach stehen bleiben? Zur Schwimmhalle muss ich ja eh zurück, also laufe ich die Runde weiter. Ich soll mich ja beeilen, es wartet der Ausflug.
Kurz vor der vierten Runde bin ich mir sicher, dass ich den Lauf abbrechen werde… doch dann erinnere ich mich, wie ich letztes Jahr bei der Winterlaufserie den Zwanziger abgebrochen habe und dann eine Woche lang schlechte Laune hatte, ja sogar das Laufen komplett aufgeben wollte. Also biege ich doch nicht in den Zielkorridor ab, und mache mich auf die vierte Runde. Alles ist besser als „DNF“. Ich versuche es nochmals mit Trinken. Diesmal gehe ich ein paar Schritte und trinke dabei vorsichtig. –ist während des Trinkens das Gehen erlaubt? Oder machen das nur Walker?- Den Rest des Bechers schütte ich mir in die Kappe. Das Gehen hat Zeit gekostet, aber die letze Runde ist eh für den Arsch. Ich schleppe mich dahin. Das bisschen Wasser hat meinen Körper auf dem schnellsten Wege wieder verlassen, wahrscheinlich ist nur eine kurze Dampfwolke aufgestiegen als ich trank. Meine Zunge klebt weiterhin am Gaumen, Wasser…
Mir fällt auf, dass manche Läufer lustige Geräusche beim Laufen machen, bei manchen klappert der Schlüssel, andere scheinen einen ganzen Beutel Münzen bei sich zu haben, wiederum andere trampeln derart laut, dass man meinen könnten sie sind im Ensemble von RiverDance.
-Oh Gott ich fantasiere…-
Das fiese am Halbmarathon im Olympiapark ist, dass man nicht nur vier elendig langweilige Runden drehen muss, sonder auch nach der vierten Runde noch nicht in den Stall darf, sondern nochmals auf eine 1,1 km Schleife geschickt wird, das ist zermürbend. Die –timekiller- Rakete lasse ich diesmal im Hangar, ich bin froh, wenn ich überhaupt ankomme, auf den letzten 500 Metern lauert noch ein letzter kurzer Anstieg, zurück zum Olympiastadion. Eine dieser Steigungen, die man sonst kaum wahr nimmt, aber im erschöpften Zustand bei jedem Schritt, länger und steiler wird. Die letzten 200 Meter lasse ich den alten Diesel ausrollen. Zielspurt machen wir das nächste mal wieder. In jämmerlichen 1:49.17 beende ich den Lauf.
Im Ziel stehen von einem Sponsor gefüllte Wasserflaschen bereit. Die Schlange beim Erdinger Stand ist beängstigend lange, ich habe keine Lust mich dort anzustellen, und so lege ich mich mit der Trinkflasche ins Gras und genieße das schnöde Leitungswasser. –AHHH, LECKER-
Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, hole ich mir doch noch ein alkoholfreies Weißbier, soviel trödeln wird ja wohl erlaubt sein. Ich gebe mein Chip ab, und bekomme als Belohnung eine weiteres T-Shirt für meine Pyjama Kollektion.
Ohne weiteres bummeln, geht’s mit dem Radl zurück zur Homebase, dort werde ich schon erwartet. Im Flur stehen Rucksack und die Wanderstiefel der Familie bereit.
Frau, was hast du vor? „Wir fahren nach Garmisch und fahren mit der Kabinenbahn auf den Wank, und laufen dann über die Esterbergalm wieder runter, das sind nur ca. 3 Stunden, das bekommst du doch noch hin, oder?“ Argh! Der Wank sieht harmlos aus, hat‘s aber in sich. Ich versuche noch zu handeln. „Nix da, wer will hier im Herbst ein Marathon laufen? Also, stell Dich nicht so an, geh duschen“ spricht die Chefin.
So fahren wir nach Garmisch-Partenkirchen, und nehmen die Kabinenbahn auf den Wank. Der Ausblick auf das Zugspitzmassiv ist wirklich atemberaubend. Von dort geht es über einen schmalen steinigen Bergesteig hinunter zur Esterbergalm. Dort gibt es für die Tochter eine frische Milch und für Vati ein Bier. Ein Ettaler Klosterbier, -Uäah-, hätte ich bloß auch ne Milch genommen…
Das dicke Ende kommt aber noch, die unscheinbare Forststraße von der Alm hinunter zur Talstation entpuppt sich als wahrerer „Wadenkiller“ Der Weg ist geteert und über weite Abschnitte unglaublich steil. Das geht auf die Knie und die Waden, das wird ein schöner Muskelkater werden, soviel ist sicher.
Abends während des „Tatorts“, trage ich noch meinen Lauf in mein Trainings-Büchlein ein und stelle fest, ich war gar nicht so schlecht. Ich habe meine HM PB um gut 2 Minuten verbessert. Ein Hauch des Stolzes durchwogt mich, ehe mich die Welle des Schlafes noch auf dem Sofa erfasst und hinwegspült, hinein in eine perfekte Laufwelt, ganz ohne Schmerzen.
-leider bloß bis zum nächsten Morgen-















